Schmerz als ein Pfad zum Nicht-Denken
Eine kleine Geschichte: Ein Zen-Schüler ging mit seinem Meister einen Weg entlang, als eine Schar von Gänsen über ihnen hinweg flog. Der Meister fragte: "Was ist das?" "Das sind Wildgänse", antwortete der Schüler. "Wo sind sie jetzt?" fragte der Meister. Der Schüler antwortete: "Sie sind weggeflogen."
Da packte der Meister plötzlich die Nase des Schülers und verdrehte sie. Der Schüler schrie vor Schmerzen. Der Meister sagte: "Du sagst, sie seien weggeflogen, aber sie waren von Anfang an weg." Und die Geschichte sagt, dass der Schüler in diesem Moment die Erleuchtung erlangte.
Diese Geschichte mag sehr seltsam klingen, aber das ist der Stil der Zen Meister. Schmerz hat einen ungeheuren Wert, dich zur Realität zu erwecken. Deshalb wurde er von vielen Meistern benutzt, um die unbewussten Schüler zu erwecken. Was tun wir gewöhnlich, wenn jemand Schmerzen hat? Wir trösten. Und ohne es zu wissen, ermöglichen wir der Person weiterzuschlafen. Aber der Meister ist nicht daran interessiert, zu trösten, er ist nur daran interessiert, dich zu erwecken. Im Moment eines großen Schmerzes setzt der Verstand für einen Moment aus zu arbeiten. Es ist nichts als Schmerz da und in diesem Moment wird die Wahrheit übermittelt. In der Geschichte war der innere Raum des Schülers für die Aufnahme der Wahrheit des Meisters bereit und der Meister übermittelte sie!
Der Schmerz der Transformation
Schmerz kann zu einer sehr kreativen Energie werden. Er kann dich an Gott erinnern. Er kann zum Gebet werden. Er kann zu Meditation werden. Er kann zu Bewusstheit führen. Er kann eine ungeheure Transformation in dir auslösen.
Es gibt ein wichtiges Geheimnis im Leben, das du verstehen solltest: Du kannst dich leicht von Sachen befreien, wenn du sie vollständig in dein Bewusstsein integrierst. Wenn dir etwas nicht bewusst ist, gibt es keine Hoffnung, dich davon zu befreien. Es bleibt ein Teil von dir. Schmerz ist nur deshalb ein Schmerz, weil er in deinem Unterbewusstsein existiert, nicht aber in deinem Bewusstsein. Die Angst davor, sich dem Schmerz zu stellen, ist verantwortlich dafür, dass er fortbesteht und dass er weiter wächst - wie ein Tumor. Der Meister entfernt den Tumor durch eine meisterliche Operation. Und wenn er weg ist, verwandelst du dich in eine andere Person. Einer meiner Schüler fragte mich einmal: "Swamiji, ich verstehe, dass die Operation notwendig ist, um mein Inneres zu reinigen, aber kann der Meister nicht ein Schmerzmittel während der Operation verabreichen?"
Mit welcher Einstellung sollte man den schmerzlichen Operationen des Meisters begegnen? Oftmals wird der Schmerz nur dadurch aufgelöst, indem man seiner gewahr wird. Oft weise ich deshalb nur auf den Schmerz hin, nicht mehr. Der Schmerz verschwindet einfach, er verflüchtigt sich.
Was ist nun die richtige Einstellung dieser schmerzhaften Operation gegenüber. Es ist das vollkommene Vertrauen, dass diese vom Meister verursachten Schmerzen, wie groß sie auch sein mögen, zum Wohle des Schülers sind. Die Operation geschieht aufgrund von grenzenloser Liebe und Mitgefühl dem Schüler gegenüber. Wenn das gut verstanden wird, wirst du mit Dankbarkeit durch diesen Prozess gehen, auch wenn es schmerzt. Man könnte vielleicht sagen, dass die Schmerzmittel des Meisters seine Liebe und sein Mitgefühl sind, mit denen er dich mit einem einzigen Blick erfüllt.
Der Meister ist imstande in zwei oder drei Sekunden das zu lehren, wofür du sonst ein Leben, einige hundert Jahre oder mehrere Leben benötigen würdest. Der Meister ist intensives Leben, er entfernt den Tumor und wirft ihn weg. Auch wenn es ein intensiver Prozess ist, ist es besser vom Meister zu lernen, als vom Leben, da es sich im
Gegensatz dazu um einen sehr schnellen Prozess handelt. Und wenn du verstehst, was der Meister mit dir macht, kannst du diese Operation als das ultimative Ereignis in deinem Leben betrachten.
Noch was: Mit dem Tumor weiterzuleben ist viel schmerzhafter als seine Entfernung durch den Meister. Um einen Tumor zu entfernen, benötigt er nur einige Minuten. Der Meister entfernt ihn und es ist vorbei!
Wenn du das verstehst, wirst du nicht länger die Transformation als Schmerz bezeichnen, du wirst sie willkommen heißen. Du wirst sie nicht nur willkommen heißen, du wirst dankbar dafür sein, dass das, was sich tief in deinem Unbewussten verborgen hielt, ans Tageslicht gebracht und entfernt wurde.