Frage: Swamiji … wie würdest du zusammenfassend Spiritualität definieren?
Spiritualität ist nichts weiter, als das Erblühen von vier Dingen in euch: körperliche Gesundheit, geistige Gesundheit, reibungslose zwischenmenschliche Beziehungen und die Fähigkeit, spontan zu reagieren, was ich Verantwortung nenne.
Körperliche Gesundheit ist das Freisein von Krankheit. Wenn ihr einen Arzt aufsucht, dann sollte er euch ein Attest geben können, das besagt, dass ihr klinisch gesund seid.
Zweitens – geistige Gesundheit ist das Freisein von allen unbewussten und tief eingravierten negativen Gedankenmustern und das Freisein von Sorgen, Schmerzen, Neid, Unzufriedenheit, Ego, Lust und so weiter.
Drittens – zwischenmenschliche Beziehungen, das sind reibungslos laufende Beziehungen mit jedem um dich herum. Es ist nicht genug, wenn du nur freundlich zu jedermann bist. Es sollte dir möglich sein, jegliche Art von Interaktionen mit allen Typen von Menschen durchführen zu können, ohne dabei das Gefühl von Druck oder Schmerz zu haben. In dem Moment, wo du Druck oder Schmerz empfindest bedeutet das, dass es einige Blockaden in dir gibt, einige Blockaden in deiner geistigen Gesundheit.
Viertens – die Möglichkeit spontan zu reagieren ist das, was ich Verantwortung nenne. Wenn es dir möglich ist, Verantwortung aufzunehmen, wenn du fähig bist, spontan zu etwas "ja" zu sagen, dann wirst du dich genau in diesem Moment des Ja-Sagens entfalten, und die Energie wird durch dich fließen, um es auszuführen. Natürlich hängt es dann von dir ab, diese Energie zu nutzen, um die Aufgabe auszuführen. Wenn du die Aufgabe ausführst, wirst du dich weiter entfalten.
Wenn also diese vier Dinge in dir erblühen, dann bist du spirituell. Dabei spielt es keine Rolle, welchem Beruf du nachgehst, ob du verheiratet oder unverheiratet bist, ob du jung oder alt bist, oder dergleichen.
Frage: Swamiji, was kannst du über das Essen von vegetarischer Nahrung sagen und das Essen von nicht-vegetarischer Nahrung?
Erstens, lauft nicht herum und belehrt nicht die Anderen, dass sie vegetarisch essen sollen. Es ist besser sich nicht auf unbekanntem Terrain zu verwickeln, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten! Gewisse Themen können durch logisches Überlegen nicht gelöst werden. Wenn wir Menschen anleiten, keine nicht-vegetarischen Lebensmittel zu essen, dann werden sie argumentieren, dass Pflanzen genauso wie Tiere auch Leben in sich tragen, und euch fragen, warum ihr dann Pflanzen esst. Was wollt ihr dazu sagen? Da gibt es kein Ende bei diesem Thema.
Soviel kann ich euch sagen: ich bin reiner Vegetarier. Ich esse vegetarisch, weil es für meinen Körper angemessen ist. Das ist alles. Es hat viele erleuchtete Meister gegeben, die nicht-vegetarisch gegessen haben. Gewiss, wenn erleuchtete Meister gewisse Dinge tun, dann können wir sie nicht beurteilen, da ihre Handlungen nicht von einem allgemeinen Verständnis aus interpretiert werden können. Wir würden sie falsch deuten und die ganze Sache verfehlen.
Nur eine Sache: teilt die Menschen nicht nach ihren Essgewohnheiten ein und zwingt sie nicht, nicht-vegetarisches Essen aufzugeben.
Eine kleine Geschichte:
Als damals das Fernsehen in Bharat eingeführt wurde, wurde ein neuer Fernseher in einem gewissen Haus für Bettler gekauft.
Alle außer einem von ihnen sahen sich die Programme im Fernsehen an.
Dieser Mann, der niemals Fernsehen sah, ging zum Vorsteher des Hauses und beschwerte sich darüber, dass die anderen stundenlang am Stück Fernsehen sahen.
Nachdem er sich einige Male beschwert hatte, sagte der Vorsteher zu ihm: "Von morgen an solltest du auch Fernsehen!" Der Mann war erstaunt und fragte warum.
Der Vorsteher antwortete: "Du bist nicht glücklich dabei, dich des Fernsehens zu enthalten und bist daher mürrisch darüber, dass die anderen es tun. Du hast den Wunsch fernzusehen, aber du tust es nicht, weil du dich innerlich stark fühlen willst. Und genau diese Unterdrückung ist die Ursache für deine Beschwerden gegen die anderen."
Seht ihr: Wenn ihr nicht ganz zufrieden damit seid, euch des nichtvegetarischen Essens zu enthalten, dann werdet ihr andere dazu zwingen wollen auch Vegetarier zu werden. Wenn du etwas vollkommen tust, dann wirst du niemals eine andere Person dazu zwingen dies auch zu tun. Nur wenn du es mit Zweifeln oder halbherzig tust, dann willst du auch andere mit hineinziehen. Dies ist der Maßstab um zu erkennen, ob du vollkommen bei etwas bist, oder nicht. Wenn du vollkommen da bist, dann bist du dir genug ohne zu bereuen, und du wirst mit niemandem Probleme haben. Du wirst allen ihre eigene Freiheit zugestehen.
Tatsächlich würde ich so weit gehen zu sagen, dass diejenigen, die für eine Stunde am Tag nichtvegetarisch essen, und dies danach vergessen, besser daran sind als diejenigen, die vegetarisch essen und über die Nichtvegetarier 24 Stunden am Tag nachdenken!
Eine kleine Geschichte:
Ein Zen-Meister ging mit seinem Schüler einer Stadt entgegen.
Am Weg dorthin floss ein Fluss entlang.
Eine schöne Frau stand nahe am Ufer.
Als sie die beiden herannahen sah, bat sie den Meister, ihr über den Fluss zu helfen.
Der Meister trug sie prompt an das andere Ufer des Flusses, setzte sie dort ab und kehrte zurück.
Der Schüler war völlig verstört als er das sah.
Er brannte innerlich von dem, was er gesehen hatte.
Als sie der Stadt weiter entgegen wanderten, konnte er es nicht mehr aushalten und fragte den Meister: "Meister, wie kannst du als ein Meister eine junge Frau berühren und sogar tragen?"
Der Meister antwortete: "Ich habe sie schon längst zurückgelassen, aber warum trägst du sie immer noch?"
Meister antworten immer dem Fragenden, beantworten aber nicht unbedingt die Frage selbst. In dieser Geschichte hätte der Meister sehr wohl seinen erhabenen Zustand seinem Schüler darstellen und ihm verständlich machen können, dass es ihm nichts ausmacht, ob es ein Mann oder eine Frau ist, die er trägt. Aber dies tat er nicht. Er machte dem Schüler klar, dass die Blockade im Geist des Schülers lag, nicht aber in der Handlung des Meisters!
Wenn du meinst, dass du nichtvegetarisches Essen nicht aufgeben kannst, ohne dich zu zwingen, dann iss weiter nichtvegetarisch, bis es von alleine von dir abfällt. Das bedeutet nicht, dass ich nichtvegetarisches Essen befürworte. Für mein eigenes Leben, für meinen Körper und meinen Geist ist vegetarisches Essen angebracht, und so esse ich entsprechend. Wenn du meinen Lebensstil anzunehmen wünscht, dann werde Vegetarier, das ist alles!
Gebe es aber nicht auf und schmachte dann danach, und quäle andere Leute nicht damit es auch aufzugeben. Wir alle greifen kleine Themen auf, wie z.B. Vegetarismus und kontemplieren dann stundenlang darüber; das ist das Problem.
Es gibt drei Kategorien, unter die du als Vegetarier fallen kannst:
Die erste ist, vegetarisch zu essen und nicht darüber nachzudenken. Die zweite ist, vegetarisch zu essen und es danach zu vergessen. Und die dritte Kategorie ist, vegetarisch zu essen, sich dann benachteiligt zu fühlen und folglich andere Menschen damit zu quälen ebenfalls vegetarisch zu essen. Falle bitte nicht unter die dritte Kategorie, das ist alles!
Frage: Swamiji, wenn ich Gutes tun möchte, z.B. wenn ich in einem Bus reise und einen alten Mann sehe, dem ich meinen Platz anbieten möchte, aber mich dagegen entscheide, indem ich bedenke, dass ich den Rest der Reise im Stehen verbringen muss. Wohingegen, wenn ich eine Zigarette rauchen möchte, ich eine starke innere Unterstützung bekomme, die mich nach dem Motto antreibt, dass diese eine Zigarette ja nicht mein ganzes Leben ruinieren wird. Warum ist es mir nicht möglich, mich selber zu kontrollieren und genau das zu tun, was wirklich korrekt ist?
Siehst du, wenn du etwas mit deinem Geist aufnimmst, etwas, das dir von außen beigebracht wurde, dann erkennst du nicht klar und deutlich den Nutzen, obwohl du es auf der intellektuellen Ebene durchaus verstehst. Aber wenn du etwas tief in dir erfahren hast, dann wird es zu deinem eigenen Verstehen, und so kannst du ohne Probleme dazu stehen.
Die Zigarette hat sich mit deinem Wesen verbunden. Du hast sie selber erfahren. Sie kommt nicht durch die Predigt eines Anderen; es ist deine eigene Erfahrung. Daher akzeptiert sie dein Herz.
Aber die Freude, die du erfährst, wenn du deinen Platz jemandem im Bus anbietest, ist etwas, was du noch nicht tief erfahren hast. Dir wurde von anderen gesagt, dass es gut ist, deinen Platz einer älteren Person im Bus anzubieten. Das ist alles. Du wirst höchstens ein gewisses Gefühl von Zufriedenheit haben, dass du der sozialen Etikette gefolgt bist. Mehr nicht. Im Falle der Zigarette jedoch ist sie zu deiner eigenen Erfahrung geworden.
Was du nicht für dich erfahren hast, wird dich nicht anziehen oder fesseln. Wenn du wirklich die Freude erfahren hättest, anderen zu helfen, dann hättest du den Sitz dem alten Menschen angeboten.
Damit wahre Erfahrung stattfinden kann, ist Meditation ein Weg. Wenn wir meditieren, wird unser Herz, das hart wie ein Stein ist, erblühen und so weich und empfindlich wie Baumwolle werden, und wir werden das Bedürfnis empfinden anderen zu helfen.
Momentan haben wir es entweder in einer Zeitschrift gelesen oder es wurde uns von älteren Menschen gesagt, dass es gut sei, einem älteren Menschen seinen Platz im Bus zu geben. Das ist alles. Stattdessen aber sollte das Gefühl anderen zu helfen in uns erblühen, und wir sollten dann auch unsere Hilfe anbieten.
Feingefühl wird nur dann zu einer Lebensart, wenn Meditation in dir geschehen ist. Andernfalls wird es nicht unter die Haut gehen. Um die Predigt, die du empfangen hast, vom Verstand zum Herzen zu leiten, bedarf es einer Bohrmaschine; das ist die Meditation. Dann werden Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit und ähnliche Tugenden, die uns gelehrt wurden, zu einer Lebensart, und du wirst eine gewisse Kraft dabei fühlen, wenn du ihnen folgst.
Andernfalls werden all diese Tugenden als intellektuelles Wissen in uns verbleiben, ohne zu erfahrenem Wissen zu werden.
Wenn wir heute Nachmittag mit dem Thema richtig beginnen, werdet ihr detailliertere Antworten dazu erhalten, warum ihr auf eine unbewusste Art und Weise handelt, obwohl ihr genau wisst, was richtig wäre.
Gut, das wär's für jetzt. Wir werden uns nach dem Mittagessen treffen und direkt ins Thema eintauchen.
Vielen Dank.