Was ist Unschuld?
Unschuld ist die Reinheit des inneren Raumes, wenn er nicht mit Gedanken oder eingravierten Erinnerungen befleckt ist. Ich möchte, dass du eines ganz klar versteht: Auch wenn du Zorn, Begierde, Lust und sonstige Emotionen nicht zum Ausdruck bringst, heißt das noch lange nicht, dass du ein totaler und unschuldiger Mensch bist. Gesellschaftlich gesehen mag es so sein, das ist alles. Andererseits kann man dich als rein bezeichnen, wenn dein innerer Raum von nichts berührt wird, wenn du wie ein unschuldiges Kind lebst, auch wenn du deinem Zorn, deiner Lust und deiner Begierde Ausdruck verleihen solltest.
Kinder werden schnell zornig. Kinder sind auch habgierig. Ihre Persönlichkeit gründet sich größtenteils auf Habgier. Sie identifizieren sich vollkommen mit dem, was sie besitzen. Versuche einem Kind sein Spielzeug wegzunehmen und das Kind wird sich wehren, als ob das Leben selbst bedroht wäre. Aber obwohl Kinder voller Begierde und Zorn sind, kann man sie nicht als unklar bezeichnen, da ihr innerer Raum von all den vermeintlichen Unreinheiten nicht berührt wird. Stundenlang sitzen sie irgendwo und spielen mit ihren Spielsachen. Dann werfen sie sie plötzlich weg und gehen fort. Sie tragen nichts mit sich herum. Ihr innerer Raum ist klar und schön.
Die Unschuld, von der ich spreche, bezieht sich nur auf den inneren Raum. Sie hat nichts mit der äußeren Welt zu tun. In den Shiva Sutras gibt uns Shiva Techniken, um diese Unschuld zu erreichen. Beschäftigt man sich näher mit dem Leben Shivas, so wie es in den mythischen Geschichten des Hinduismus dargestellt wird, findet man nirgends Hinweise von Unschuld im sozialen oder traditionellen Sinne. Trotzdem haben wir es hier mit der höchsten und reinsten Form von Unschuld zu tun. Shiva lebte auf einem Friedhof, in dem Leichen verbrannt wurden, umgeben von Geistern und Gespenstern.
Im Sanskrit bedeutet das Wort Shiva soviel wie grundloses Glück. Dieses grundlose Glück ist die Energie, Glückseligkeit zu erzeugen. Überall, wo Shiva erscheint, strahlt diese Energie aus seinem unschuldigen inneren Raum heraus.
In der vedischen Tradition gibt es die als Upanischaden bekannten schriftlichen Überlieferungen. Das Wort "Upanischade" bedeutet im Sanskrit "Sitzen in der Gegenwart des Meisters". Es gibt 108 solcher Upanischaden. In ihnen finden wir das Wissen über die Erleuchtung, wie es von den großen Meistern des vedischen Zeitalters überliefert wurde. In der Chandogya Upanischade gibt es eine schöne Geschichte:
Ein Junge namens Satyakama begibt sich bei seiner Suche nach Erleuchtung zu einem Meister. Statt ihm etwas zu lehren, zeigt ihm dieser vierhundert Kühe und sagt: "Nimm diese Kühe und ziehe mit ihnen hinaus in die Wildnis. Hüte sie und komm erst wieder zurück, wenn ihre Zahl auf tausend angewachsen ist." Satyakama gehorchte dem Meister und zog mit der Herde weg. Er hütete die Kühe und wartete, dass sie sich vermehrten. Es dauert einige Jahre, bis sich die Zahl der Kühe von vierhundert auf tausend erhöht! Ohne ein Wort zu sprechen sass er in der Nähe der Herde. Die Jahre vergingen und langsam vergaß er die Sprache. In tiefer Stille, ohne den geringsten Kontakt zu anderen Menschen, ging langsam auch seine Identität verloren, die er in der äußeren Welt besaß.
Da er auch das Zählen vergessen hatte, kümmerte er sich auch nicht mehr um die Anzahl der Kühe. Er saß einfach da, versunken in einem wunderbaren Gefühl der Ekstase.
Schließlich kam eine Kuh und sagte zu ihm: "Herr, wir sind jetzt tausend, wir können zum Meister zurückkehren."
Er antwortete: "Ist das so? Dann lasst uns gehen."
Satyakama war in Ekstase. Auch den Rückweg hat er vergessen. Die Kühe wiesen ihm den Weg. Unterwegs belehrten ihn die Tiere und sogar das Element Feuer über Brahman, die höchste Wahrheit.
Als Satyakama seinen Meister wiedersah, betrachtete ihn der Meister genau und sagte voller Freude: "Du siehst so strahlend aus, wie einer, der die Wahrheit kennt, Satyakama. Wer lehrte dich?"
Satyakama erzählte, wie er die Wahrheit von Pflanzen und Tieren erfahren hatte und bat den Meister, ihm die Wahrheit in seinen Worten darzulegen.
Der Meister entgegnete: "Du kennst bereits die Wahrheit" und segnete ihn.
Die Geschichte besagt, dass Satyakama die Wahrheit erkennt und Erleuchtung findet, indem er einfach nur ist und auf die Natur hört.
Totale Unschuld führt zur Erleuchtung.
Satyakama bittet den Meister um Erleuchtung und der Meister verlangt von ihm, die Anzahl seiner Kühe zu vervielfachen! Viele von euch werden sich fragen, was Kühe mit Erleuchtung zu tun haben. Glücklicherweise war Satyakama nicht so intellektuell. Glücklicherweise erhielt er keine formale intellektuelle Erziehung im heutigen Sinn. Daher hat er diese Frage nicht gestellt! Er war unschuldig und bescheiden, bereit für die Transformation. Er verfügte über keine Logik, der er sich hätte bedienen können.
Solange du deiner Logik nicht überdrüssig bist, bist du nicht bereit für die Transformation. Logik kann dir nicht einmal helfen, dein eigenes Leben zu verstehen. Logik kann dir nicht helfen, in deinen eigenen Verstand zu schauen. Wie kann sie dir dann helfen, dich zu ändern?
Die Leute fragen mich: " Swamiji, warum bist du gegen Logik?" Ich bin nicht gegen Logik. Ich sage nur, dass all dein Leid seinen Ursprung in Logik ohne Intelligenz hat. Deine Logik erzeugt von morgens bis abends hauptsächlich Politik in dir.
Was ist Politik? Von Politik spricht man, wenn es über ein Thema verschiedene Meinungen gibt, nicht wahr? Nun beobachte deinen Verstand. Über das gleiche Thema hat er am Morgen und am Abend völlig unterschiedliche Meinungen. So entsteht das Dilemma, in dem du dich befindest. Dein Verstand selbst ist das Dilemma.
Die Leute behaupten, dass in allen spirituellen Organisationen sehr viel Politik betrieben wird. Ich frage sie dann: "Was meint ihr damit?" Gerade diejenigen Personen, die solche Aussagen machen, sind voller Politik! Um Politik zu betreiben, braucht es nicht zwei Personen. Eine Person genügt vollkommen. Eine einzelne Person mit Logik genügt, denn am Morgen sagt ihr Verstand etwas und am Abend behauptet er das Gegenteil! Und natürlich, dieser Kampf zwischen dir und dir ist nichts als Politik! Hab ich recht? Warum sagen diese Leute dann, dass sogar spirituelle Organisationen Politik betreiben?
Wenn du die Entscheidungen, die du am morgen triffst, den Entscheidungen gegenüberstellst, die du am Abend triffst, wirst du bemerken, dass ein Politiker in dir sitzt!
Logik erlaubt dir nicht, einfach und unschuldig zu sein und es ist fast unmöglich, dass eine echte Transformation stattfinden kann. Damit eine Transformation einsetzen kann, muss die Logik überwunden werden. Nur wenn keine Logik mehr da ist, kann es Unschuld geben und Unschuld ist der Raum, in dem die Transformation stattfinden kann.
Satyakama ist noch nicht von der Schlange der Logik gebissen worden. Er geht zum Meister, um Erleuchtung zu finden und der Meister antwortet: "Gut, nimm diese Kühe, geh hinaus in die Wildnis und bleibe bis es tausend Kühe geworden sind. Dann komm zu mir zurück!"
Ein moderner Suchender hätte an seiner Stelle gesagt: "Ich habe den Verdacht, dass der Meister versucht, mich auszunutzen. Er möchte tausend Kühe und deshalb verlangt er von mir, dass ich diese Arbeit mache. Er benutzt mich, seine Arbeit zu erledigen!" Das ist der Grund, warum die Suchenden heute keine solchen erstaunlichen Techniken mehr erhalten.
Das ist nicht nur eine Geschichte. Es steckt eine tiefe Wahrheit dahinter. Auf unschuldige Weise befolgt Satyakama ohne Umschweife den Auftrag des Meisters. Dabei verliert er sich total in Ekstase und vergisst sogar das Zählen. Sein Verstand hört auf zu funktionieren. Eintausend oder zweitausend war ihm nun einerlei. Unschuld und Akzeptanz bewirkten in ihm das Höchste, was einem Menschen passieren kann – Erleuchtung! Wenn du vollkommen akzeptieren kannst, dann benötigst du keinen Verstand mehr. Der Verstand ist nur dann notwendig, wenn du mit Konflikten lebst und kämpfst. Akzeptiere dich jetzt, in diesem Moment, in der inneren und in der äußeren Welt und du wirst diesen Raum als erleuchtet verlassen.
Satyakama akzeptiert über viele Jahre hinweg, was der Meister ihm sagte. Satyakama war einfach. Was kann ihm da anderes widerfahren als Erleuchtung?
Du denkst vielleicht: "Wie kann allein durch Akzeptanz so etwas Großes erreicht werden?" Das Problem liegt darin, dass wir uns auch spirituelles Wissen mit Hilfe des Intellekts aneignen wollen. Der Intellekt wird aber niemals aufhören zu fragen. Unschuld beginnt, wenn wir ohne zu zögern das tun, was der Meister sagt. Darin liegt der Unterschied.
Bist du absolut unschuldig und offen, dann kann die Initiation direkt zur Erleuchtung führen. Ein Wort genügt, um erleuchtet zu werden. Shiva sagt in den Shiva Sutras: "Höre dem Meister aufmerksam zu, während er von der Wahrheit spricht - und du wirst erleuchtet!"Wie kann man durch bloßes Zuhören zur Erleuchtung gelangen? Warum passierte es Satyakama und warum nicht uns? Einmal, weil er unschuldig und deshalb auch intelligent genug war, die Instruktionen des Meisters anzunehmen. Zum anderen, weil er über genügend Mut verfügte, um zu das leben, was der Meister von ihm verlangte. Er hatte vollkommenes Vertrauen in den Meister. Unschuld und Vertrauen gehen immer Hand in Hand. Ich verlange nicht, dass ihr mir tausend Kühe bringt. Nein! Ich verlange von euch, dass ihr mit der Einstellung von Satyakama zu mir kommt. Kommt mit derselben Unschuld. Ihr müsst auch nicht genau das machen, was Satyakama gemacht hat. Aber ihr müsst sein wie Satyakama. Wenn dein Sein genauso ist, dann kann die Transformation in diesem Moment stattfinden. Sogar jetzt, in diesem Moment kann die Übertragung des Lichts geschehen.
Chandogya Upanischade – eine der frühesten und grundlegenden Upanischaden Brahman – Das absolute kosmische Bewusstsein, formlose Göttlichkeit. Quelle der universellen Energie, in der sich die individuelle Energie eines Wesens spiegelt.