Was ist Stress?
Sorgen und Stress sind eng miteinander verbunden. Sie verhalten sich wie Eltern und Kinder. Das eine kann ohne das andere nicht existieren. Was gegen das eine wirksam ist, ist auch gegen das andere wirksam. In Anbetracht der Tatsache, dass Stress in der heutigen Welt als einer der größten Zerstörer unserer Gesundheit gilt, lohnt es sich jedoch, dieses Thema gründlicher zu behandeln.
Vor vierhundert Jahren verkündete der französische Philosoph René Descartes: "Ich denke, also bin ich." Das wurde zur Grundlage des modernen Denkens. Millionen von Menschen in dieser Welt sind Descartes über Generationen hinweg im Glauben gefolgt, dass sie in dieser Welt nicht erfolgreich sein können, wenn sie sich nicht gegenseitig im Denken übertreffen würden.
Descartes hatte Recht und er hatte Unrecht. Er hatte insofern recht, dass das menschliche System nicht weiß, wie es ohne den Verstand, ohne Denken leben kann. Die Folge davon ist, dass die Menschen Sklaven ihres Verstandes geworden sind. Sie leben in Abhängigkeit.
Viele Jahrhunderte vor Descartes erklärte ein vedischer Weiser, dass der Mensch nicht zu existieren beginnt, bevor er nicht aufgehört hat zu denken. Adi Shankara* traf seinen zukünftigen Meister im Alter von* acht Jahren am Ufer des heiligen Tungabhadra Flusses. Der Meister fragte ihn. "Wer bist du?"
Shankaras Antwort war: "Ich bin nicht die Gefühle und Gedanken, ich bin nicht der Verstand, ich bin nicht das Ego und ich bin nicht die Sinne. Ich bin jenseits von alledem. Ich bin reines Bewusstsein."*
Solange wir denken, dass wir der Körper, die Gefühle und die Gedanken sind, sind wir lediglich eine Biomaschine. Wir sind kaum eine Spur besser als die Tiere, von denen wir abstammen, solange wir den Sinnen erlauben, uns zu führen. Aber unser wahres Potential als Menschen liegt nicht bloß darin, zu denken und zu beweisen, dass wir den Tieren überlegen sind. Der Zweck des menschlichen Lebens ist es, den Verstand zu transzendieren und sich in einen höheren Bewusstseinszustand zu erheben. In diesem Zustand befinden wir uns wirklich in der Göttlichkeit, von der wir abstammen.
Bis wir diesen Zustand der Einheit mit dem, was wir wirklich sind, erreichen, befinden wir uns in Aufruhr. Dieser Aufruhr, dieser Kampf zwischen unserer wahren Natur und dem, was wir vorgeben und uns abmühen zu sein, ist das, was wir Stress oder Anspannung nennen.
René Descartes – französischer Philosoph, berühmt wegen seiner Aussage: "Ich denke, also bin ich."
Vedisch – auf die alten Schriften der Veden bezogen.
Adi Shankara – Erleuchteter hindu Meister. Bedeutendster Vertreter des Advaita Vedanta oder Nondualismus, führte die vedische Tradition nach einer Phase des Niedergangs zu einer Renaissance.
Der Verstand ist keine Maschine
Gemäß der vedischen Psychologie sind wir nicht gestört. Wir sind in Wirklichkeit die Quelle der Störung. Verstehe das genau, du bist nicht angespannt, du bist die Anspannung. Du bist nicht gestresst, sondern du bist die Quelle des Stresses. Zwischen diesen beiden Aussagen besteht ein großer Unterschied. Wir wollen das gründlich untersuchen. Dann wirst du verstehen. Du bist nicht angespannt, du bist die Anspannung. Es besteht wahrlich ein großer Unterschied zwischen "Du bist gestört" und "Du bist die Störung".
Eine Gruppe von angesehenen und erfahrenen Wissenschaftlern ist nach vielen Jahren der Forschung nun dazu gekommen, zu behaupten: "Wir können den Menschen nicht für seine Taten verantwortlich machen, solange er nicht versteht, was in seinem Inneren vor sich geht und dadurch seine Emotionen in den Griff bekommt." Was die vedischen Schriften vor fünftausend Jahren ausdrückten, deckt sich mit dem, was die moderne Wissenschaft heute sagt. Diese Schriften bieten uns auch die Lösung und die Antwort auf dieses jahrhundertealte Problem. Sie können eine Brücke schlagen zwischen der westlichen Psychologie und der vedischen Psychologie.
Die westliche Psychologie gibt uns die Hoffnung, dass wir, so wie wir sind, zu unserer Normalität zurückgebracht werden können. Wenn uns zum Beispiel zu heiß ist in diesem Raum, dann können wir eine Klimaanlage installieren und die Temperatur senken, damit wir uns wohl fühlen. Wir vergessen dabei aber einen wichtigen Faktor. Sobald wir eine Klimaanlage einbauen, müssen wir diese auch erhalten. Das bringt zusätzliche Spannung, das bringt zusätzliche Probleme. Nun benötigen wir auch Elektrizität, und um das alles zu bezahlen, benötigen wir Geld. Wenn du dann hinausgehst um zu arbeiten, kannst du diesen Raum nicht länger genießen. Der Raum mit der Klimaanlage existiert zwar, aber du hältst dich sonst irgendwo auf, um zu arbeiten, damit du die Rechnungen der Klimaanlage bezahlen kannst.
Wir vergessen eine wichtige Tatsache. Du, so wie du bist, dieser Zustand ist eine Krankheit. Nach der westlichen Psychologie ist der Verstand eine Maschine. Laut der vedischen Psychologie ist er ein Prozess. Der Verstand ist nicht eine Maschine, sondern ein Prozess, der sich dauernd abspielt. Manas, das entsprechende Wort für Verstand im Sanskrit, bedeutet eigentlich, "was sich im Inneren abspielt", es ist ein konstantes Ereignis, es ist nichts Passives und Totes, es ist etwas, das dynamisch und lebendig ist.
Die westliche Psychologie besteht auf dieser Idee, dass der Verstand eine biomechanische Maschine ist. Wir alle glauben unbewusst, dass der Verstand etwas Solides ist, ein Ding oder eine Maschine. Das ist der Grund, warum wir alle Ereignisse der Vergangenheit wie die Glieder einer Kette verbinden und den Verstand für ein solides Ding halten.
Wir verbinden, was nicht verbunden ist
Lasst mich ein Beispiel dazu geben. Die schlechte Stimmung, die du vor zehn Jahren hattest, die schlechte Stimmung, die du vor neun Jahren hattest, die schlechte Stimmung, die du vor acht Jahren hattest, die schlechte Stimmung, die du vor sieben Jahren hattest, die schlechte Stimmung, die du gestern hattest, sind total unabhängige nicht miteinander verbundene Vorfälle. Sie alle passierten wegen verschiedener Zwecke, wegen verschiedenen Ursachen, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Situationen. Du verbindest all diese eigentlich isolierten Vorfälle und sagst: "Mein Leben selbst ist eine Depression."
Die schlechte Stimmung, die du vor Jahren, vor Monaten, vor Tagen durchlebt hast, sind alles unverbundene, unabhängige Ereignisse. Vor zehn Jahren warst du in schlechter Stimmung und hast dich deprimiert gefühlt, weil deine Spielsachen verloren gingen, vor neun Jahren warst du depressiv, weil deine Freundin mit dir Schluss gemacht hat, vor einigen Jahren warst du niedergeschlagen, weil dein Sohn nicht auf dich hörte. Die Motive waren verschieden, die Situationen waren verschieden, und die Ursache war total verschieden. Wenn du aber all diese Stimmungstiefs miteinander verbindest und sagst: "Mein Leben ist voller Depressionen", dann erzeugst du für dich selbst eine Hölle.
In dem Moment, in dem du glaubst, dass dein Leben eine Depression ist, wird es tatsächlich zu einer Depression. Bitte verstehe, dass nur das in der Zukunft wiederholt wird, von dem du glaubst, dass es deine Vergangenheit ausmacht. Wir alle wissen, dass wir nicht vor unseren vergangenen Erlebnissen flüchten können. Wie können wir glauben ihnen ab morgen entfliehen zu können? Nein, wir können es nicht. Wir glauben, dass unsere Zukunft nur so ähnlich sein kann wie unsere Vergangenheit, was auch immer wir dafür halten. Sobald wir deshalb denken, dass unsere Vergangenheit mit Depressionen ausgefüllt war, haben wir auch die unbewusste Überzeugung in uns, dass auch die Zukunft eine Depression sein wird.
Wir erzeugen eine Hölle für uns, wenn wir glauben, dass unser Verstand nur ein Ding, eine Biomaschine ist. Glücklicherweise für uns, ist der Verstand keine Maschine. Die Wahrheit ist, dass der Verstand kein Ding ist, wie wir alle belehrt wurden: er ist ein Prozess. Er ist kein Substantiv, sondern ein Verbum.
Sei dir im Klaren, dass wir Probleme erzeugen, die in Wirklichkeit gar nicht existieren, wenn wir glauben, dass der Verstand ein Ding ist.
Eine kleine Geschichte: Ein Mann geht zum Psychiater und sagt: " Doktor, mein Leben ist voller Probleme." Dieser antwortet: " Das Leben eines jeden Menschen ist ein Problem. Machen Sie sich keine
Sorgen. Wir machen pro Woche drei Sitzungen und das kostet sie 100 Dollar pro Sitzung."
Der Mann antwortete: "Doktor, drei Sitzungen in der Woche, jede für hundert Dollar, das löst ihr Problem, aber was ist mit meinem Problem?"
Verstehe, in dem Moment, in dem wir glauben, dass der Verstand nur eine Maschine ist, werden wir hilflos. Kein Psychiater kann helfen. Kein Psychoanalytiker kann helfen. Keine andere Methode kann helfen, weil die grundlegenden Überzeugungen falsch sind. Wenn wir eine falsche Überzeugung haben, wird alles, was auf dieser Überzeugung aufgebaut ist, falsch sein. Es kann nicht die Wahrheit sein. Wir müssen die grundlegende Wahrheit verstehen, dass der Verstand ein Prozess ist; wir sind nicht gespannt, wir sind die Spannung.
Wie entscheiden wir uns?
Nur ungefähr zehn Prozent von dem, was wir über unsere Sinne aufnehmen, nehmen wir bewusst wahr. Alles andere geht direkt in unser Unterbewusstsein. Das ist der Grund, warum wir uns oft nicht an Orte erinnern können, an denen wir jeden Tag vorbeigehen. Solange uns eine Sinneswahrnehmung nicht auf irgendeine Weise interessiert, wird sie auch nicht bewusst registriert.
Schauen wir nun, was mit denjenigen Sinneswahrnehmungen geschieht, die von unserem Bewusstsein registriert werden. Diese Eindrücke werden von unserem Gehirn selektiert und identifiziert. Dein bewusster Verstand registriert, ob die Person, die vor dir steht, bekannt ist oder ob es sich um einen Fremden handelt. Die Art, in der du mit dieser Person umgehst, ist nicht mehr von einer bewusst getroffenen Entscheidung deinerseits abhängig. Falls du die Person kennst, werden deine Haltung und dein Umgang ihr gegenüber von den in deinem Gedächtnis eingravierten Erinnerungen bestimmt werden. Auch wenn die Person unbekannt ist, wird ihr Aussehen in dir unbewusste Reaktionen auslösen. In beiden Fällen wandern die Informationen in dein Unbewusstes und dort wird dann entschieden, was zu tun ist.
Für die meisten von uns sind weniger als zehn Prozent der Psyche bewusst. Weniger als zehn Prozent, was du über deine Sinne aufnimmst, wird bewusst erlebt. Es ist möglich, dass nur ein Prozent deiner Entscheidungen rational gefällte Entscheidungen sind.
Es gibt zwei Wege um die Kontrolle wiederzuerlangen. Der erste besteht darin die Konditionierungen, welche dein Verhalten bestimmen, zu verringern. In unseren Meditationskursen arbeiten wir an dieser Verringerung und der Auflösung der Samskaras. Der zweite Weg besteht darin, im gegenwärtigen Augenblick zu sein, in totalem Gewahrsein und Kontrolle.*
Samskaras – Neigungen und Tendenzen, die durch gewohnheitsmäßiges Handeln und Sprechen entstanden sind.