Der Strang, der nicht existiert
Der Schmerzensstrang lädt schmerzvolle Ereignisse in dein Leben ein.
Es gibt eine wunderbare Analogie von Ramana Maharishi, einem erleuchteten Meister aus Bharat. Ein Hund kaut an einem trockenen Knochen und verletzt sich dabei durch Knochensplitter am Gaumen. Im Glauben das Blut stamme vom Knochen kaut er umso eifriger daran, um noch mehr Blut zu genießen. Er versteht nicht, dass das Blut aus seinem eigenen Mund kommt und nicht aus dem Knochen.
Wenn du Gewalt aufregend findest, dann wirst du in deinem Leben auf Vorfälle warten, die mit Gewalt gefüllt sind. Wenn du Schmerz aufregend findest, wenn du denkst, das Leben ist ein Schmerzensstrang, wirst du auf Ereignisse dieser Art in deinem Leben warten, um deinen Glauben zu bestätigen und zu bekräftigen. Das ist die vorherrschende menschliche Psychologie. Obwohl die Menschen behaupten, sie wollen den Gewaltstrang oder den Schmerzensstrang brechen, hegen und pflegen sie ihn insgeheim.
Der Schmerzensstrang
Zum besseren Verständnis möchte ich noch einige Erklärungen geben. Die Schmerzen, die du vor zehn Jahren hattest, Schmerzen, die du vor neun Jahren hattest, Schmerzen, die du vor sieben Jahren hattest, Schmerzen, die du vor drei Jahren erfahren hast und der Schmerz, den du gestern erfahren hast, sind alles unverbundene, unabhängige, individuelle Ereignisse. Du aber verbindest all diese Ereignisse und erzeugst damit einen Schmerzensstrang. Du verbindest all diese Gedanken zu einem einzigen großen Gedanken. Du beginnst zu denken und zu glauben: "Mein Leben besteht nur aus Schmerz." Ist das wahr? Nein! Was ist mit all den süßen Erfahrungen passiert, die du dazwischen hattest? Gewiss hat es dazwischen wenigstens einige Momente der Freude gegeben. Sie wurden einfach vergessen. Sie wurden nie hergenommen um einen Strang zu formen. Deshalb ist kein Strang der Wahrheit entsprechend, da er nur Fragmente aus deiner gesamten Biographie widerspiegelt.
Zuerst versuchst du die schmerzhaften Ereignisse aus praktischen Gründen zu archivieren. Du archivierst all deine Schmerzen, vielleicht um deine Krankengeschichte zu vervollständigen und um sie deinem Arzt besser schildern zu können. Nach und nach verfestigt sich in dir der Glaube, dass all diese Schmerzen, die in deinem Leben passiert sind, miteinander verbunden sind. Du entscheidest, dass dein Leben nur aus Schmerz und Leiden besteht. Sobald du zu dieser Entscheidung gelangst, erschaffst du eine Hölle für dich selbst.
Bis gestern bist du zum Beispiel nur gegangen, du konntest nicht fliegen. Du weißt, dass du in der Vergangenheit nie geflogen bist, du bist nur gegangen. Kannst du glauben, dass du von morgen an fliegen wirst? Du kannst es nicht. Du weißt, auch morgen wirst du nur gehen. Du stützt dich nur auf deine vergangenen Erfahrungen, um deine Zukunft vorherzusagen und schließt damit viele neue Möglichkeiten aus.
Freudenstrang
Die Freude, die du vor zehn Jahren erlebt hast, die Freude, die du vor neun Jahren erlebt hast, die Freude die du vor drei Jahren erlebt hast und die Freude, die du vor einem Jahr erlebt hast, sind alles unabhängige, individuelle, unzusammenhängende Gedanken. In der Gegenwart verbindest du alle diese Gedanken und erschaffst einen großen Strang von Freude.
Du verbindest deine Freude mit einem Objekt, einer Person, oder einem Ort, vielleicht mit einem bestimmten Feriendomizil. Nun versuchst du, dieses Objekt, diese Person, diesen Ort oder dieses Ereignis wieder und wieder in dein Leben zurückzubringen. Versuche es, so gut du nur kannst, du wirst nicht imstande sein, dieselbe Freude wieder zu erleben. Dies ist die Ursache für weitere Schmerzen!
Schmerzensstrang oder Freudenstrang - beide führen zu Leiden
Im Leben erzeugen wir entweder Freuden- oder Schmerzstränge. Hast du einmal einen Schmerzensstrang erzeugt, versuchst du ihn zu durchbrechen. Erzeugst du einen Freudenstrang, versuchst du ihn zu verlängern. Du verstehst nicht, dass du weder den Freudenstrang verlängern kannst, noch den Schmerzensstrang brechen kannst – einfach deshalb, weil der Strang selbst nicht existiert. Er ist nichts als selektive Erinnerung. Der Strang selbst ist deine Illusion.
Gedanken gleichen Luftbläschen in einem Aquarium
Es gibt keine lineare Verbindung zwischen zwei aufeinanderfolgenden Gedanken. Sie haben nur eine Gemeinsamkeit und zwar die, dass sie denselben Ursprung haben. Wir aber verbinden aufeinanderfolgende Gedanken auf eine lineare Weise.
Gerade so wie Luftbläschen in einem Aquarium vom Boden aufsteigen, steigen unsere Gedanken in der gleichen Weise auf. Wenn ein Bläschen die Wasseroberfläche erreicht, startet das nächste Bläschen, und dann das dritte Bläschen. Da die Bläschen mit einer hohen Geschwindigkeit aufsteigen, erscheinen sie als ein kontinuierlicher Fluss, in Wirklichkeit aber besteht immer ein kleiner Abstand zwischen zwei Bläschen.
Ähnlich wie bei den Bläschen gibt es zwischen zwei Gedanken eine neutrale Zone, die wir erfahren können. Da der Abstand oder die neutrale Zone zwischen zwei Gedanken sehr klein ist, sind wir der Meinung, dass alle Gedanken verbunden sind und einen Strang erzeugen. Es besteht jedoch immer ein Abstand zwischen zwei Gedanken.
In diesem Zusammenhang möchte ich euch eine Begebenheit erzählen.
Ein Mann in mittleren Jahren kam zu mir und sagte: "Ich lasse mich von meiner Frau scheiden. Bitte segne mich." Ich sagte ihm: "Ich segne die Leute nur bei Hochzeiten, nicht bei Scheidungen. Warum sollte ich dich wegen einer Scheidung segnen?" Er antwortete: "Ich bin durch soviel Leid gegangen, deshalb musst du mich segnen."
Ich sagte: "Leiden ist ein Geben und Nehmen. Du bist nicht nur Opfer. Du musst deiner Frau auch genügend Leiden verursacht haben. Erzähle mir daher die Wahrheit, was geschehen ist und wir wollen die Lage gemeinsam analysieren."
Er antwortete: "Welche Vorfälle soll ich erzählen und welche nicht. Es ist soviel passiert! Vom ersten Tag an hat sie mich gequält. Du hast keine Ahnung, welche Qualen ich erleiden musste!"
Dann begann er von einem Vorfall zu erzählen, der sich an seinem Hochzeitstag zugetragen hat.
In hindu Dörfern ist es Brauch, dass für das Brautpaar nach der Hochzeitszeremonie Spiele arrangiert werden. Bei einem der Spiele wird ein Ring in einem mit Wasser gefüllten Topf geworfen. Braut und Bräutigam greifen dann mit den Händen in den Topf und wetteifern, wer den Ring als erstes wieder herausholt. Diese Spielchen dienen dazu, eine erste Vertrautheit zwischen den Brautleuten herzustellen, die sich ja gemäß den hindu Gepflogenheiten bei der Hochzeitszeremonie zum ersten Mal sehen.
Der Mann sagte: " Während dieses Spieles kratze sie an meiner Hand. Mit ihren Fingernägeln zerkratzte sie meine Hand!" Und er begann eine ausschweifende Geschichte zu erzählen, was sie seither alles getan hat! Praktischerweise legte er einen Ordner an, in dem er wie bei einem Polizeibericht alle Vorfälle seit seinem Hochzeitstag aufgelistet hat.
Nachdem ich mir zwei oder drei Vorfälle anhörte, sagte ich: "Bitte hör auf. Wenn es sich so verhält, sollte deine Frau bei einer Scheidung eigentlich glücklicher sein als du. Es ist sehr schwer mit jemanden zusammenzuleben, der solch ausführliche und detaillierte Akten in seinem Kopf angelegt hat." Immer, wenn die Frau etwas tut, wird dieser Mann jedes Mal eine neue Akte anlegen.
Dann erzählte er mir noch vom eigentlichen Anlass der Trennung. Er sagte: "Sie schüttete Kaffee über meine Kleider." Ich sagte ihm: " Kaffee zu verschütten kann doch kein Scheidungsgrund sein."
Er sagte: "Du hast keine Ahnung, heute schüttet sie Kaffee, morgen schüttet sie Säure über mich!" Er sagte das wirklich. Ich verstand die Verbindung nicht. Ich fragte ihn, wie er Kaffee mit Säure in Verbindung bringen könnte. Wiederum sagte er: "Nein, Nein, Samiji, du hast keine Ahnung."
Dies mag ein extremes Beispiel sein und du magst darüber lachen. Aber schau genau auf dein Leben. Du machst es genauso. Andauernd machst du unlogische Verbindungen. Du vergisst, dass die Vorfälle unabhängig voneinander auftreten. Du vergisst, Gedanken als unabhängig voneinander zu betrachten.
Wenn du nur diese einfache Technik des "Entkuppelns" lernst, wirst du in der Lage sein, eine beträchtliche Menge an Energie in dir zu bewahren. Als Resultat davon wird deine Produktivität und Kreativität um ein Vielfaches zunehmen. Deine Beziehungen werden viel reibungsloser verlaufen, da du Ereignisse nicht miteinander verbindest. Du hast nicht mehr das Gefühl, von anderen Menschen und ihren Erwartungen erstickt zu werden. Du wirst einen weiten inneren Raum zur Verfügung haben, um deine Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Du bekommst ein grenzenloses Mitgefühl, das dir ermöglicht zu erkennen, warum andere leiden. Du behandelst andere Menschen nur auf grobe Weise, weil du den Grund nicht kennst, der für ihr Leiden verantwortlich ist. Wenn du entkuppelst, kannst du den anderen in deinem inneren Raum aufnehmen. Du bist dann automatisch mitfühlend. Dein ganzes Leben erstrahlt in einer neuen Qualität und du wirst zu einem anderen Menschen.