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KAPITEL 1 – WECHSELWIRKUNGEN

Bewusste Todeserfahrung

Wir alle leben ständig in Angst vor dem Tod. Wir sind bereit um jeden Preis davor zu fliehen. Der Tod wird als unser größter Feind betrachtet.

Eine kleine Geschichte über Sokrates:

Sokrates wurde getötet indem er gezwungen wurde, einen Sud aus giftigen Schierling-Kräutern, nämlich den Schierlingsbecher, zu trinken. Gerade bevor er das Gift trank, fragte ihn einer seiner Schüler: "Meister, hast du keine Angst vor dem Sterben? Du erscheinst so ruhig."

Sokrates antwortete: "Warum sollte ich unruhig sein? Ich weiß, dass nur zwei Dinge nach dem Tod geschehen können. Entweder werde ich fortfahren zu existieren, in irgendeiner Form oder unter irgendeinem Namen, oder ich werde nach dem Tod aufhören zu existieren. Im ersten Fall gibt es nichts um sich Sorgen zu bereiten; im letzteren Falle bleibt niemand, um sich zu sorgen. So gibt es in jedem Fall nichts zu fürchten!"

Sokrates war allein deswegen furchtlos vor dem Tod, weil er ein klares Verständnis vom Tod und seinen Konsequenzen hatte. Der Tod wird immer als ein Ende betrachtet, und daher leiden die Menschen wenn sie den Tod sehen. Es fehlt ein grundlegendes Verständnis vom Tod.

Der Tod ist niemals ein Ende. Er ist eine Fortführung in anderer Form oder einfach eine Befreiung, das ist alles. Wenn der Mensch dies versteht, wird er erkennen, wie töricht es ist deswegen zu leiden. Der Mensch haftet zu sehr an der körperlichen Form und leidet daher stark. Der Körper ist bloß ein Fahrzeug für die Seele. Das muss ganz klar verstanden werden.

Obwohl der Tod das einzig Sichere für den Menschen ist, ist er immer überrascht, wenn er dann tatsächlich kommt! Das ist das Erstaunlichste am Menschen.

Eine kleine Geschichte:

Eine Dame feierte ihren hundertsten Geburtstag.

Ihre gesamte Familie war zu diesem Anlass versammelt.

Sie öffneten alle Geschenke und lasen die vielen Karten vor, die von der Familie oder den Freunden kamen.

Dabei zeigten sie der Dame eine Karte, die ihr von ihrer 94 Jahre alten Freundin kam.

Die alte Dame rief aus: "Oh Gott, sie ist ja immer noch am Leben!"

Wir können den Tod jedem zugestehen außer uns selber! Wir alle sind so. Wir sind auf alles im Leben vorbereitet, außer auf unseren eigenen Tod. Die Ironie liegt aber darin, dass im Leben alles unvorhersehbar ist, außer dem Tod; das einzig Sichere im Leben ist der Tod. Aber das Letzte, was wir hören möchten ist, dass wir früher oder später sterben werden!

Bhagavan Ramana Maharishi erlangte seine Erleuchtung durch eine bewusste Todes-Erfahrung.

Als Ramana im jugendlichen Alter war, legte er sich eines Tages einfach in sein Bett im Hause seines Onkels aus Madurai in Bharat.

Plötzlich überkam ihn das Gefühl, dass er sterben werde! Er fühlte, dass der Tod über ihn kann. Er hatte zwei Möglichkeiten – entweder diesem Gefühl zu widerstehen oder es zu akzeptieren und hindurchzugehen.

Normalerweise wehren sich die Menschen, fallen ins Koma und verlassenen den Körper in einem unbewussten Zustand. Fast alle Menschen verlassenen ihren Körper in einen unbewussten Zustand.

Obwohl wir vom Moment der Geburt an wissen, dass unser Leben im Tod seinen Höhepunkt erreichen wird, versuchen wir es uns dennoch niemals zu veranschaulichen; wir versuchen niemals diese Möglichkeit für uns realistisch ins Auge zu fassen; wir versuchen niemals sie willkommen zu heißen.

Wenn du zumindest einmal versuchst, diese Möglichkeit mit Bewusstheit zu durchleben, dann wirst du von alleine deine Angst davor verlieren.

Ramana war mutig genug den zweiten Weg zu wählen. Er folgte seinem Gefühl; er ließ das Todesgefühl zu. Er entschloss sich zu erfahren, was während des Todes geschehen würde.

Er sah deutlich einen nach dem anderen Teil seines Körpers sterben.

Langsam war sein ganzer Körper tot. Er sah wie sich sein Körper gleichsam in Asche verwandelte.

Plötzlich erkannte er, dass selbst nach dieser Erfahrung etwas übrig blieb; etwas das nicht zerstört werden konnte. Er erkannte, dass er in diesem Augenblick reines Bewusstsein war, jenseits von Körper und Verstand. Er war nur ein Zeuge des gesamten Vorgangs!

Diese Erkenntnis war überwältigend und verließ ihn nie wieder und als er wieder in seinen Körper zurückkam, war er Bhagavan Ramana Maharishi – ein erleuchteter Meister.

Wenn du die Angst vor dem Tod überwindest, dann überwindest du den Tod selber, weil der Tod nur eine weitere Vorstellung ist! Ebenso wie uns im Muladhara Chakra unsere Gier eine Welt vor Augen erscheinen lässt, die schöner erscheint als sie tatsächlich ist, bereitet uns hier unsere Angst eine Vorstellung vom Tod, die furchtvoller aussieht als der Tod in Wirklichkeit ist.

Wir schauen durch eine Brille von Gier und Angst, die uns hindert, die Wirklichkeit so zu sehen wie sie ist. Wenn du den Tod psychologisch erlebst, dann befreist du diese Energie, die in dem Swadhishtana Chakra wegen der Todesangst blockiert war; wenn das Swadhishtana sich öffnet, ändert sich die Qualität des gesamten Lebens.

Durch die Fähigkeit, den Tod als eine Fortführung in anderer Form zu akzeptieren, wird unsere Möglichkeit das Leben zu genießen ganz und gar verändert. Dein gesamter Körper entspannt sich; dein Bewusstsein dehnt sich aus; deine Fähigkeit zu leben erweitert sich. Ob du es akzeptierst oder nicht, in jedem Moment deines Lebens bleibt die Angst vor dem Tod im Unbewussten fortbestehen. Nur durch das Verstehen des Todes und dem damit verbundenen Verlust der Angst vor dem Tod, wird sich dein Leben bereichern – nicht wohlhabend vielleicht, aber doch bereichern. Wahrer Reichtum ist das, was wirklich wichtig im Leben ist.

Obwohl ich dir all das sage, wirst du mir trotzdem nicht glauben. Du wirst denken, dass ich nur über theoretische Themen spreche.

Eine kleine Geschichte:

Ein Mann der blind geboren war, wurde zu einem Arzt geführt, der ihn heilen sollte.

Der Arzt versicherte dem Mann: "Nach dieser Operation wirst du wieder sehen können! Du wirst dann deinen Gehstock nicht mehr brauchen!"

Als der Mann das hörte, bekam er es mit der Angst zu tun.

Er sagte: "Doktor, ich verstehe dass ich wieder sehen können werde. Aber wie werde ich ohne Gehstock laufen können?"

Der Stock ist zu solch einem wesentlichen Teil des blinden Mannes geworden, dass er sich nicht mehr vorstellen konnte ohne seinen Stock zu laufen, selbst wenn er seine Sicht wiedererlangen würde! Wie kannst du einem blinden Mann erklären, dass er seinen Stock nicht mehr brauchen wird, wenn er wieder sehen kann? Jetzt hat er zu viel Angst davor. Deswegen ist alles was du tun kannst, die Operation durchzuführen und es ihn selber erfahren zu lassen, das ist alles. Er wird dann von alleine auf seinen Stock verzichten!

In gleicher Weise, selbst wenn ich euch sage, dass alle eure Ängste letztlich nur Angst vor dem Tod sind, dass euer Selbst unsterblich ist, dass nur euer Körper vergehen wird, dann werdet ihr trotzdem an euren angstvollen Vorstellungen festhalten, weil ihr es noch nicht erfahren habt!

Bis der Tod zu einer bewussten Erfahrung wird, wird dich die Angst niemals verlassen. Aber du kannst folgendes tun: diesen Worten wiederholt zuhören; eine feste Überzeugung von ihnen entwickeln; zu erkennen versuchen, wie deine kleinen und großen Ängste tatsächlich mit der Todesangst in Beziehung stehen, Klarheit in deine täglichen Ängste bringen, erkennen wie willkürlich deine Ängste sind, Bewusstheit in deine Ängste bringen. Dann wirst du dich stetig weiterentwickeln und der Wahrheit immer näher kommen.

Die Manifestierung dar Angst vor dem Tod

Wir können all unsere Ängste in fünf Hauptkategorien einteilen. Die erste Kategorie ist die Angst vor dem Verlust unseres Wohlstandes, unseres Wohlergehens, unseres Rufes, unseres Ansehens, und anderer äußerlicher Dinge. Die zweite Kategorie ist die Angst vor dem Verlust unserer Gesundheit, dem Verlust von Teilen unseres Körpers durch Unfall oder Krankheit – die Ängste in Bezug auf unsere körperliche Gesundheit. Die dritte Angst ist die vor dem Verlust unserer geistigen Gesundheit, unserer geistigen Stabilität. Die vierte Angst ist die vor dem Verlust unserer geliebten Menschen oder deren Liebe. Die fünfte Angst ist die vor dem Unbekannten – die Angst vor Gott, Angst vor Geistern und die Angst vor dem Tod.

Wenn du die Ängste wirklich tief analysierst, dann entspringen diese fünf Kategorien von Ängsten allein der Angst vor dem Tod. Sie manifestiert sich nur auf verschiedene Weise, das ist alles.

Der Hauptgrund, warum Menschen den Tod fürchten liegt darin, dass sie ihr Leben nicht ganz gelebt haben. Sie geraten deswegen in Angst und Verzweiflung, weil sie fühlen, dass sie ihr Leben nicht genug gelebt haben. Sie fühlen so, weil sie ihr Leben lang in Erinnerungen an die Vergangenheit gelebt haben, in Angst vor der Zukunft, nur zum Wohle Anderer, jedoch niemals in der Gegenwart gelebt haben und so weiter.

All unsere Handlungen sind nur ausgerichtet auf das Hin und Her mit dem Ego der Anderen, mit den Wünschen der Anderen, die gegenseitigen Emotion, usw. Wenn du dein Leben tief betrachtest, dann wirst du verstehen, was ich dir zu sagen versuche. Du beginnst dein Leben, wo deine Eltern aufgehört haben. Du übernimmst einfach ihre Wünsche, ihre Schuldgefühle, ihre Ängste, usw., die über Generationen weitergereicht wurden. Du lebst dein Leben und reichst sie dann weiter an die nächsten Generationen bevor du stirbst. Niemals aber hast du ganz gelebt.

Was meine ich mit ganz leben? Versuche mit mehr Klarheit zu leben, das ist alles. Versuche den anderen Menschen den Sinn klarzumachen bei dem, was sie dir aufdrängen wollen. Mit Klarheit wirst du deutlich unterscheiden können, was deine eigenen Wünsche sind und welche dir von anderen aufgedrängt werden und welche Wünsche du von anderen übernommen hast. Nur die erste Kategorie, nämlich deine eigenen Wünsche, sollten erfüllt werden ohne jedoch dabei andere Menschen oder deren Eigentum zu verletzen. Die anderen beiden Kategorien sollten mithilfe von Klarheit fallengelassen werden.

Wenn du auf diese Art lebst, dann wirst du nicht mehr die Wünsche der Anderen erfüllen und nicht mehr das Leben der Anderen leben. Du wirst dein eigenes Leben leben und Erfüllung erfahren, und du wirst bereit sein zu sterben, wenn die Zeit dazu gekommen ist. Du wirst keine versteckte Verwirrung und keine Angst mehr vor dem Tod haben. Ich bitte dich nicht darum, selbstsüchtig zu sein. Ich bitte dich nur darum, Klarheit in die ganze Angelegenheit zu bringen.

Eine kleine Geschichte:

Einst wurde ein Zen-Mönch durch den König zum Tode verurteilt. Er sollte am nächsten Tag hingerichtet werden.

Der Mönch blieb ruhig und still.

Einer seiner Schüler war erschrocken über die Ruhe des Mönches und fragte ihn: "Ist dir klar, dass du nur noch einen Tag zu leben hast? Hast du keine Angst?"

Der Mönch erwiderte ruhig: "Ich habe gelebt und habe deswegen keine Angst zu sterben."

Er meinte mit seiner Aussage: "Ich habe jeden Augenblick meines Lebens gelebt, von Augenblick zu Augenblick. Jeder einzelne Augenblick war so reich für mich! Warum sollte ich jetzt Angst haben?"

Wenn du das tief betrachtest, wirst du feststellen, dass die meisten Menschen eigentlich nicht direkt Angst vor dem Sterben haben, sondern eher Angst davor, ihr Leben nicht genug gelebt zu haben. Wir haben Angst davor, ein falsches Leben geführt zu haben. Wir fühlen eine Art von tiefem unbeschreiblichem Bedauern über unsere gesamte Situation. Wir fühlen, dass wir nicht gelebt haben wie wir leben wollten; wir fühlen uns nicht erfüllt – und da beginnt die Angst vor dem Tod!

Andauernd Kompromisse wegen Anderer einzugehen, ein Leben zu leben, das nicht natürlich für uns ist, unser Bestreben in eine Form zu pressen, die die Gesellschaft für uns vorbereitet hat; all dies führt uns in einen Mangel von Erfüllung! Es ist die Angst vor dem Leben, die sich in der Angst vor dem Tod spiegelt.

Wenn du auf die zutiefst mögliche Art zu deiner vollsten Zufriedenheit gelebt hast, dann wirst du dich vor dem Tode nicht fürchten. Lebe daher ohne Angst.

Lebe mit der tiefsten Individualität bzw. Ungeteiltheit, die dir möglich ist. Lebe zu deiner vollsten Zufriedenheit und du wirst die Angst vor dem Tode verlieren.

Wenn du ganz lebst, ohne Altlasten von irgendwelchen Gefühlen, wenn du deine Gefühle mit großer Klarheit und Vollständigkeit lebst, dann wirst du dich auch nicht davor fürchten, deine Familie oder Verwandten zu verlieren.