KAILASA Library/KAPITEL 1 – WECHSELWIRKUNGEN/Angst vor dem Verlust der LiebenSign in
KAPITEL 1 – WECHSELWIRKUNGEN

Angst vor dem Verlust der Lieben

Du hast Angst vor dem Verlust von jemandem, weil du das Gefühl hast, dass du in deinem Leben der Beziehung in gewisser Weise nicht gerecht geworden bist; du fühlst, dass du nicht ganz in ihr gewesen bist; du bist nicht bereit loszulassen. Körperliche Trennung ist nur ein Aspekt der Angst; der wahre Grund aber liegt im Mangel von Erfüllung in der Beziehung.

Das Wort "Rechtfertigung" kommt deswegen in Beziehungen vor, weil dir immer gelehrt wurde, um der Anderen willen zu leben, ihren Anforderungen und Wünschen zu entsprechen. Du fühlst immer die Notwendigkeit die Beziehungen zu rechtfertigen, indem du gewisse Dinge tust. Und wenn du diese Dinge nicht tust, dann gerätst du in einen Kreislauf aus Schuld und Angst. Nur wenn du vollständig lebst, mit tiefer Klarheit bezüglich des ganzen Spieles der Gesellschaft, nur dann wirst du nicht mehr von solchen Zwängen erfasst werden.

Du kannst in vollständiger Erfüllung leben ohne dabei die Liebe in der Beziehung zu versäumen. Wir haben das in dem Vortrag über das Anahata Chakra besprochen. Die Angst vor körperlicher Trennung entsteht immer wegen Schuldgefühlen im Zusammenhang mit der Beziehung. Wenn du ganz lebst, also nicht auf geschäftliche Art und Weise in der Beziehung, sondern mit reiner liebender Energie dem Anderen gegenüber, dann wird es keinen Raum mehr für Schuld oder Angst geben. Selbst wenn die Person dann sterben sollte, wirst du ihr oder ihm gegenüber weiterhin Liebe empfinden – niemals jedoch Angst vor der Trennung haben.

Auch wenn du mit einem Menschen zusammenlebst, versuche mit größerer Klarheit und Bewusstheit zu leben. Meistens leiden Partnerschaften unter Unsicherheit und versteckter Angst einander zu verlieren. Wenn du die Angst in Partnerschaften tief analysierst wirst du verstehen, dass deswegen dort Angst herrscht, weil die Beziehungen auf die eine oder andere Art auf geschäftliche Weise geführt werden.

Zwischen Mann und Frau besteht die Angst, dass sich der andere Partner außerhalb der Ehe umschauen könnte. Zwischen Mutter und Sohn besteht die Angst, dass der Sohn mehr Aufmerksamkeit seiner Frau schenken könnte statt der Mutter. Zwischen Vater und Sohn besteht die Angst, dass der Vater seine Erbschaft dem Sohn nicht weitergeben kann oder dass der Sohn das Ansehen der Familie nicht aufrecht erhalten kann.

Entsprechend gibt es in jeder Beziehung eine zentrale Erwartung, die erfüllt und behütet werden muss, und diese ist es, die Anlass zur Angst gibt. Du kannst aber niemals irgendeine Beziehung vollkommen zufriedenstellen. Jeder der in seiner Jugend versucht hat, allen in der Familie zu gefallen, wird nur ein Schulabbrecher bzw. Aussteiger werden!

Wenn eine Beziehung auf reiner Liebe ohne einen zugrundeliegenden Zweck gegründet ist – also der Art von Liebe, über die wir während des Anahata Chakra Vortrags sprachen, dann wird es schließlich auch keine Angst-Elemente geben.

Du weißt nicht was für eine Befreiung es ist, wenn du von der Angst zur Liebe übergehen kannst. Angst ist immer begrenzend während Liebe immer befreiend ist. Bevor dir aber die Gesellschaft Angst anerzieht, wirst du nicht auf sie hören, und so flößt sie dir Angst mittels aller möglichen Hilfsmittel ein – durch Unsicherheit, Regeln, Vorschriften, religiöse Gebote, usw.

Die Gesellschaft versucht Heilige aus euch machen – Heilige, die die Existenz und alles Andere ständig fürchten. Ich bin nicht hier um Heilige aus euch zu machen. Ich bin hier um euch glückselig zu machen. Wenn du glückselig bist, dann wirst du voller Leben sein, wach und lebendig.

Wie dem auch sei, Angst nimmt in unseren Beziehungen auch die Form von Eifersucht ein. Angst ist ein unterschwelliges Gefühl bei den meisten unserer Handlungen und Gefühlen. Eifersucht, Angst, Gier – all diese Gefühle wurzeln in der Angst. Aber wir sind uns dessen gar nicht bewusst. Wir wissen nicht, dass Angst der auslösende Faktor dafür ist. Das ist das Problem. Deswegen bewegen wir uns weiterhin im Dunkeln soweit es unsere Verhaltensmuster betrifft. Daher entwickeln sich Beziehungen oftmals traumatisch.

Verstehe, dass niemals Angst und Liebe nebeneinander existieren können. Entweder es herrscht reine Liebe in einer Beziehung vor und dann kann dort niemals Angst herrschen. Oder es herrscht Angst vor und dann kann dort niemals reine Liebe herrschen. Zudem gibt es versteckte Interessen in einer Beziehung; wie zum Beispiel bestimmte Absichten, bestimmte Ziele, bestimmte Erwartungen an Sicherheit, Gier oder Gewinn. Durch diese gerät Angst in die Beziehung.

Wir sehnen uns nach Sicherheit in jeder Beziehung. Wir benötigen bestimmte Sicherheiten, um uns bequem fühlen zu können. Tatsächlich aber ist es eine Art von Gefangenschaft, die wir genießen. Die Menschen sprechen von Freiheit, aber ich sage dir: sie haben Angst vor ihr! Sie mögen nur Gefangenschaft. In der gemütlichen, kuscheligen Atmosphäre der Gefangenschaft denken sie, dass sie frei sind.

Eine kleine Geschichte:

Eines Tages fragte ein kleines Mädchen ihren Vater: "Vater, was bedeutet das Wort garantiert?"

Der Vater antwortete: "Es bedeutet, dass etwas gut gemacht ist und dass es für eine lange Zeit anhält."

An diesem Abend, bevor das Mädchen zum Schlafen ging, rief es: "Gute Nacht, garantierter Vater!"

Wir alle suchen andauernd nach Sicherheit in unserem Leben. Wir geben jedoch vor, dass wir nach Freiheit suchen. Wenn wir wirklich nach Freiheit suchten, warum halten wir dann Ausschau nach Sicherheit? Wovor hast du also Angst? Solange du Angst in dir trägst wirst du nach Sicherheit suchen. Bis dahin aber kannst du dich nur selber täuschen indem du vorgibst, nach Freiheit zu suchen.

Ein Meister ist jemand, der dich in die völlige Unsicherheit des Lebens stoßen wird. Er ist der Einzige, der dir vollkommene Freiheit geben kann. Deswegen fühlst du dich bei ihm unsicher; du fühlst Angst. Freiheit erzeugt Angst.

Du wirst dich niemals vollkommen unsicher in deinen Beziehungen fühlen, weil es dort immer ein gewisses Hin und Her von Gier, Angst und Ärger gibt, die dich wohlbehalten in den bekannten Mustern der Beziehung halten. Bei einem Meister aber bist du vollkommen frei. Deswegen bekommst du Angst.

Eine kleine Geschichte:

Ein Mann war seit 20 Jahren im Gefängnis.

Am Tage seiner Entlassung schien er sehr ängstlich und angespannt zu sein.

Sein Freund im Gefängnis fragte ihn: "Was ist mit dir? Warum bist du so besorgt?"

Der Mann antwortete: "Ich habe Angst. Was werde ich tun, wenn ich rauskomme?"

Die Gefangenschaft hat solch ein festes Muster der Sicherheit in dem Mann geschaffen, dass er nicht mehr weiß, was er tun soll wenn er herauskommt! Dies ist die Gefahr wenn wir in Mustern und Sicherheiten gefangen sind.

Ein Meister wird dir niemals die Sicherheit bieten nach der du suchst. Er wird dir niemals die Muster bieten nach denen du verlangst. Wenn du nicht die Sicherheit erhältst nach der du suchst, dann wirst du dich mit einer tiefen Zentriertheit entwickeln; du wirst dich angstfrei entwickeln weil du weißt, dass es nichts zu verlieren gibt; und wenn du weißt, dass es nichts zu verlieren gibt, dann hast du keine Angst.

Um dir zu zeigen dass, es nichts zu verlieren gibt, stößt dich der Meister in vollständige Unsicherheit. Aus einem tiefen Mitgefühl für dich, aus tiefem Interesse an deinem Wachstum bietet er dir keine Sicherheit. Wenn du keine weltliche Sicherheit findest wirst du Gott finden; du wirst das Dasein erkennen.

All deine Ängste kommen, weil du nicht klar erkennst, dass es nichts zu verlieren gibt. Lediglich eine Begegnung mit dem Nah-Tod kann dir zeigen, dass es nichts zu verlieren gibt und dass all deine Ängste grundlos sind. Der Meister vermittelt dir einfach dieses Verständnis auf seine Weise.

Versuche also nicht vor dem Meister zu fliehen. Verstehe, dass er hier ist, um dir zu zeigen, wer du wirklich bist. Deine innewohnende Natur ist Angstlosigkeit. Über die Jahre ist dir die Angst anerzogen worden. Der Meister versucht nun diese Schichten der Konditionierung, die du mit der Zeit übernommen hast, zu durchbrechen, das ist alles. Wenn du ihm einfach mit Vertrauen und Liebe an dir zu arbeiten erlaubst, dann wirst du mit eigenen Augen sehen, wie du dich veränderst.

Lasst mich euch eine kleine Geschichte erzählen über einen Swami, den ich kennengelernt hatte:

Dieser Swami hatte einige Uhren in seinem Raum, und jede dieser Uhren zeigte eine andere Zeit!

Eines Tages fragte ich ihn deswegen.

Er antwortete: "Die Zeit ist nicht mein Meister. Ich bin der Meister! Welche Zeit ich auch immer haben möchte, ich wähle sie einfach von der entsprechenden Uhr."

Dieser Swami hatte bereits vorhergesagt, dass er seinen Körper an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit verlassen werde.

In der Nacht vor seinem Tode bat er alle seine Schüler sich um ihn zu versammeln, um Hymnen zu singen.

Einer der Sänger war ziemlich arrogant wegen seiner musikalischen Fähigkeiten. Er sang normalerweise nie zu solchen Anlässen. Wie es Brauch war, schrieb der Swami etwas auf ein Stück Papier und reichte es ihm.

Der Schüler fühlte sich geehrt und dachte, dass es eine Bitte um ein gewisses Lied sei.

Aber als er den Zettel öffnete, las er die folgenden Worte vom Swami: "Bitte singe nicht nach meinem Tod!"

Selbst auf seinem Todesbett war er in humorvoller Stimmung!

Später in dieser Nacht wies er seine Schüler an, gut auf die Waisenkinder aufzupassen, die im Ashram lebten. Er sagte: "Besonders morgen werdet ihr sehr beschäftigt sein mit meiner Verbrennung. Vergesst nicht für die Kinder das Essen zu bereiten!"

Bis zur letzten Minute drehte sich sein Anliegen um die Menschen, die er zurückließ.

Am nächsten Morgen, genau zu der Zeit die er vorhergesagt hatte, faltete er seine Hände zu einem Namaskaar an alle – und seine Hände fielen herunter – einfach wie in einem Drama.

Was für eine schöne, ruhige und mutige Art dem Tod zu begegnen! Das ist die Art wie wir alle dem Tod entgegen gehen sollten, und das ist die Art, wie wir den Tod betrachten sollten, selbst wenn uns unsere eigene Familie und Verwandten verlassen. Wenn du dies verstehst, wird sich deine gesamte Vorstellung vom Tod langsam auflösen, weil, wie ich bereits gesagt habe, die Grundlage der Angst der Tod selber ist.