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KAPITEL 1 – WECHSELWIRKUNGEN

Der Tod ist der größte Lehrer

Es gibt eine Upanishad, genannt Kathopanishad, die eine wundervolle Fassung eines persönlichen Gesprächs ist, ein direkter Dialog eines Kindes mit Yama – den Herrn des Todes. In der Hindumythologie ist Yama die Hauptgottheit für den Tod. Er steht für den Tod.

Es war einst ein berühmter König mit Namen Uchaishravas. Er war plötzlich von dem Wunsch besessen die gesamte Welt kontrollieren zu wollen, und führte deswegen ein Vaajapeya Yagya durch – ein Feueropfer das immer dann durchgeführt wird, wenn man die ganze Welt regieren möchte.

Nach den Regeln für dieses Opfer muss man alle Dinge als Opfergabe darreichen, alle Dinge von großer Anhaftung und von großem Wert. Nur dann kann man in die Position des Herrn der Welt gelangen.

Könige sind immer gute Geschäftsleute; sie müssen es sein, andernfalls könnten sie keine Könige sein und Kontrolle über solch große Besitztümer haben. Sie streben immer danach, möglichst wenig zu geben, um den größtmöglichen Gewinn daraus zu erzielen.

Dieser König begann nun die Opfergaben darzureichen – Kühe, die schon am Ende ihres Lebens waren, die all ihre Milch gegeben hatten, und bereits sehr viele Kälber geboren hatten – die bereit waren, zu sterben.

Er opferte all diese wertlosen Gaben.

Sein Sohn Nachiketas, der etwa sieben Jahre alt war, sah dabei zu was sich ereignete.

Nachiketas ist der Held dieser Geschichte.

Er wusste, dass sein Vater nicht recht handelte, wusste aber nicht wie er es ihm sagen sollte.

Seht ihr, die Kinder sind sehr scharf und intelligent. Ihr könnt sie nicht betrügen. Die Gesellschaft hat sie noch nicht verdorben und noch nicht konditioniert.

Er sah nun seinem Vater die ganze Zeit über zu, ging schließlich zu ihm und sagte: "Vater, du hast all deine wertvollen Gaben dargereicht. Ich bin auch einer von deinen wertvollen Besitztümern. Wem gibst du mich als Opfergabe?"

Der König verstand, dass sein Sohn ihn für das stichelte, was er getan hatte; aber sein Ego erlaubte es ihm nicht nachzugeben.

So fuhr er fort mit seinen wertlosen Opferungen.

Noch einmal stellte ihm der Junge die gleiche Frage, der König aber schwieg.

Beim dritten Mal rüttelte der Junge an seinen Vater und fragte ihn, wem er ihn zu opfern gedenke.

Der König wurde sehr ärgerlich und rief aus: "Ich werde dich dem Yama geben. Du gehst zu Yama."

Ein gewöhnlicher Junge hätte gesagt: "Warum sollte ich gehen? Du hast ein volles Leben gelebt, geh du doch!"

Aber Nachiketas war ein sehr ernster und eifriger Junge.

Er war erfüllt von Hingabe und Ehrlichkeit.

Um die Worte seines Vaters zu respektieren, entschied er sich, zu gehen und Yama zu begegnen.

Bedenke, dass Nachiketas der erste und der letzte Mensch auf Erden war, der zu Yama ging und ihm begegnete. Normalerweise kommt Yama zu uns, um den Menschen zu begegnen, aber zum ersten Mal ging Nachiketas hin um Yama zu begegnen.

Er erreichte den Ort wo Yama wohnte, aber Yama war nicht anwesend!

Er war unterwegs.

Nachiketas wartete drei Tage lang.

Versteht hier folgendes: es gibt eine große Wahrheit an diesem Punkt der Geschichte. Wenn wir uns aufmachen den Tod zu finden, oder wenn wir den Mut haben dem Tod zu begegnen, dann könnte es sein, dass der Tod uns nicht so erscheint wie wir ihn uns vorgestellt haben!

Wie dem auch sei, Yama kann nach drei Tagen zurück.

Seine Diener berichteten von dem Jungen, der schon seit drei Tagen auf ihn wartete.

Yama beeilte sich Nachiketas zu sehen.

Er entschuldigte sich für seine Abwesenheit und sein Versäumnis, Nachiketas gebührend empfangen zu haben.

Er sagte: "Weil ich dich drei Tage habe warten lassen, gewähre ich dir drei Wünsche. Du magst um drei beliebige Wünsche bitten, und ich werde sie dir erfüllen."

Für Nachiketas erwies sich der Tod als ein Gott, der ihm Wünsche gewährte!

So bat er um drei Wünsche.

Sein erster Wunsch war: "Mein Vater soll nicht länger ärgerlich sein über mich. Er soll mich anerkennen und mich mit Liebe empfangen wenn ich zurückkehre." Nachiketas bat um diesen Wunsch aus tiefer Liebe für seinen Vater, sodass er nicht unter den Folgen leiden sollte, seinen Sohn dem Tod ausgeliefert zu haben.

Yama gewährte ihm diesen ersten Wunsch.

Sein zweiter Wunsch war: "Erkläre mir das Feueropfer das zum Himmel führt, da es keine Furcht im Himmel gibt, weder Alter noch Tod."

Auch dieser Wunsch wurde von Yama gewährt, der Nachiketas sogleich im Feueropfer unterwies und es dann nach ihm, Nachiketas Agni, benannte. Das ist das Feueropfer, das jemandes Bewusstsein in die himmlische Erfahrung führen kann, eine Erfahrung der Freude.

Sein dritter Wunsch war: "Lehre mich bitte die Wahrheit der Existenz, des Lebens und des Todes. Existiere ich nach dem Tod oder nicht; bitte sag es mir!"

Yama war erstaunt über Nachiketas' Frage.

Er sagte ihm: "Bitte stelle mir nicht diese Frage. Du erfragst das Geheimnis des Todes, welches ich dir nicht mitteilen darf; denn wenn ich es dir mitteile, dann wirst du erleuchtet werden. Stattdessen biete ich dir unermesslichen Reichtum an, wenn du möchtest, aber bitte stelle mir nicht diese Frage."

Jedoch bestand Nachiketas auf eine Antwort.

Er sagte: "Selbst wenn ich all diesen Reichtum von dir annehme, so werde ich doch nur ein Verwalter deines Wohlstandes sein, sei es auch für 100 oder 1000 Jahre. Nach Ablauf dieser Zeit muss jedoch alles wieder an deinen Ort kommen! Dies ist mir von keinem Nutzen. So enthülle mir bitte stattdessen das Geheimnis des Todes."

Yama erkannte die Reife und die Hingabe des Jungen, der die Wahrheit erlangen wollte.

Die Erfahrung, durch die er den Jungen führte, wurde zur Erfahrung der Seele des Jungen, und Nachiketas erblühte und wurde erleuchtet.

Das ist eine schöne Geschichte aus den Upanishaden. Betrachte sie nicht unter dem Blickwinkel, ob es eine Geschichte oder eine Tatsache ist. Schau nicht nach Daten und Historie. Sie übermittelt die Wahrheit – und das ist genug. Nutze sie als eine Leiter, um die Wahrheit zu erreichen, anstatt an der Leiter festzuhalten und die Wahrheit zu versäumen.

Was ist der Unterschied zwischen dir, der Yama trifft, und Nachiketas der Yama trifft?

Wenn du Yama begegnest, dann nimmt Yama deine Familie ohne deine Einwilligung weg. Yama nimmt all deine Vergnügungen weg. Letztlich nimmt er dein Leben selber weg. Alle Dinge, die du begehrst, wie deine Familie, Vergnügungen und das Leben, rafft er plötzlich ohne dein Einverständnis hinweg. Auch gehst du niemals zu Yama; Yama kommt zu dir als ein unerwünschter Gast. Aber Nachiketas ging zu Yama. Und Yama gab ihm seine Familie bei seinem ersten Wunsch zurück. Durch den zweiten Wunsch gab ihm Yama die Erfahrung von himmlischer Freude und schließlich schenkte ihm Yama im dritten Wunsch die Erleuchtung.

Vier Dinge müssen durch diese wundervolle Geschichte klar verstanden werden. Erstens, wenn wir nach dem Tod suchen bzw. dem Tod gegenüberstehen, wird er nicht da sein. Zweitens, selbst wenn der Tod da ist, dann ist er nicht das schreckliche Ding wie wir annehmen; er ist hingegen liebend und gebend. Drittens ist der Tod unser allergrößter Lehrer. Und letztlich ist der Tod derjenige, der uns das höchste Geschenk geben kann – die Erleuchtung!

Für die meisten Menschen geht das Leben niemals über das Swadhishtana Chakra hinaus. Das Leben bewegt sich nie jenseits von Angst und Tod. Wir leben und sterben zwischen dem Muladhara und dem Swadhishtana Chakra – zwischen Wunsch und Angst. Wir kennen keine andere Art zu leben; oder wir haben nicht den Mut, eine andere Art des Lebens zu beginnen.

In früheren Zeiten lebten die Menschen ohne Sicherheit im Leben, wie wir sie heute kennen. Es gab keine Impfungen gegen tödliche Krankheiten. Es gab keine satellitenbasierte Vorwarnung vor Naturkatastrophen, und es gab keine Sicherheit vor Hungersnöten oder Fluten. Deswegen waren die Menschen immer geistig darauf vorbereitet zu kämpfen, vorbereitet auf den Tod. Speziell die Kriegerkaste musste sich ständig für den Tod bereit halten.

Die Samurai-Kämpfer des alten Japan wussten wie dem Tod ruhig zu begegnen ist. Wenn sie in der Schlacht geschlagen wurden, dann stachen sie einfach eine lange Nadel in das Swadhishtana Chakra. Dies ist eine hoch-professionelle Technik, durch die die im Swadhishtana Chakra enthaltene Lebensenergie freigesetzt wird, was zu einem unmittelbaren und schmerzlosen Tod führt. Dieser Vorgang war bekannt als Harakiri.