Begreife mit Unschuld
Mit Unschuld erfreust du dich am gegenwärtigen Moment. Beobachtet man unschuldige Menschen, dann scheint es, als ob sie keine großen Ziele hätten. Sie leben und bewegen sich vollständig im gegenwärtigen Moment. Unschuld erfasst den gegenwärtigen Moment, während Wissen ihn verfehlt. Wissen ist immer auf einen Zweck ausgerichtet, während Unschuld die Schönheit der Zwecklosigkeit kennt.
Legst du dein Wissen beiseite, bist du bereit, den gegenwärtigen Moment und somit die Wahrheit zu ergreifen, denn die Gegenwart beinhaltet die Wahrheit. Das Problem liegt darin, dass in der modernen Erziehung Wissen mit der Zielsetzung vermittelt wird, die Kinder so klug wie möglich zu machen. Unschuld hat keinen Platz in dieser Erziehung. Gibt es einen Studiengang an den Universitäten, an dem Unschuld gelehrt wird?
Heutzutage lastet ein großer Druck auf den Kindern, schlau und gescheit zu sein. Kinder verlieren bald ihre Unschuld durch Erziehungsmethoden, die Klugheit über alles stellen. Mittlerweile wird sogar die Unschuld selbst in den Dienst der Klugheit gestellt!
Voller Stolz stellte ein Vater seinen Arbeitskollegen seinen Jungen vor, der ihn ins Büro begleitete. Jemand fragte den Jungen, wie alt er sei.
Dieser antwortete prompt: "Zu Hause bin ich sieben, aber wenn ich Bus fahre bin ich fünf."
So werden Kinder heute gedrillt. Es wird ihnen beigebracht, überall den Nutzen zu sehen. Bei dieser Erziehung wirst du selbst nach deinem Nutzen bewertet. Aber du bist nicht dein Nutzen, du bist dein Sein. Das Sein kann niemals bewertet werden. Nur der Verstand kann bewertet werden und der ist nur ein Mythos! Die Gesellschaft erschafft
einen Mythos, den Verstand, und verwendet ihn als Maßstab, um dich zu bewerten. Das ist der Grund, warum Wissen heutzutage so populär ist.
Eine kleine Geschichte: In einer kleinen Stadt lebten vier Freunde, die viel Zeit miteinander verbrachten. Drei von ihnen waren sehr gelehrt, während der vierte weniger gelehrt, aber dafür weise war.
Eines Tages kamen sie auf die Idee, andere Länder zu besuchen, um ihre Gelehrsamkeit zur Schau zu stellen und Geld damit zu verdienen.
Der vierte Freund hatte kein besonderes Wissen, um die Leute zu beeindrucken, aber mitkommen wollte er trotzdem.
Der erste Freund sagte: "Da du über kein außergewöhnliches Wissen verfügst, müssten wir nur unnötigerweise unser Geld mit dir teilen, wenn du mitkommst. Ich bin dagegen."
Der zweite Freund war derselben Meinung, aber der dritte Freund sagte: "In all den Jahren haben wir alles zusammen unternommen und er war immer dabei. Es ist nicht richtig von uns, ihn jetzt nicht mitzunehmen."
So begaben sich alle vier zusammen auf die Reise.
Sie durchquerten dichte Wälder, sahen wilde Tiere und erlebten viele aufregende Momente. Eines Tages entdeckten sie auf ihrem Weg einen Haufen voller Tierknochen.
Einer von ihnen sagte: "Das ist eine gute Gelegenheit unser Wissen zu testen. Lasst uns dieses Tier wiederbeleben."
Zwei andere stimmten ihm zu, aber der Vierte wandte ein: "Ich habe das Gefühl, dass es sich hier um ein sehr großes Tier handelt. Deshalb ist es besser, wenn wir weitergehen."
Die anderen drei lachten ihn aus und nannten ihn einen Feigling. Sie sagten: "Hättest du Wissen wie wir, würdest du dich auch nicht fürchten. Sei still und sieh uns zu."
Die drei begannen ihr Experiment.
Einer von ihnen ordnete die Knochen, so dass sie die Form eines Tieres bildeten. Dann rezitierte er einige Verse und sprenkelte heiliges Wasser auf sie. Und plötzlich nahmen die Knochen die Form eines Skelettes an.
Dann kam der zweite an die Reihe. Auch er rezitierte einige Verse und sprenkelte heiliges Wasser auf das Skelett. Das Skelett bedeckte sich
plötzlich mit Fleisch, Blut und einem Fell. Es war ein Löwe. Ihm fehlte nur noch das Leben.
Das war die Aufgabe des dritten Freundes, der sich nun dem Löwen näherte.
Der vierte Freund warnte sie erneut, aber er wurde nur ausgelacht. Daraufhin zog er sich zurück und kletterte auf einen Baum, auf dem er alles beobachtete.
Der dritte Freund hauchte dem Körper des Löwen Leben ein und dieser wurde tatsächlich lebendig.
Mit einem lauten Brüllen stürzte er sich auf die drei Freunde. Sie versuchten noch zu flüchten, aber der Löwe machte kurzen Prozess mit ihnen.
Wissen ist ein Werkzeug. Es führt nicht direkt zu Intelligenz. Es kann ein machtvolles Werkzeug sein und solange wir es dort benutzen, wo es gebraucht wird, ist alles in Ordnung. Man kann damit erstaunliche Dinge tun. Wir begehen aber den Fehler, dass wir unser Leben vollständig dem Wissen anvertrauen. Unschuld hingegen führt direkt zu reiner Intelligenz. Unschuld dringt in Dimensionen vor, die man mit Klugheit nicht erreichen kann. Unschuld mag die Fakten verfehlen, aber nicht die Wahrheit. Klugheit sorgt sich zu sehr um Fakten. Wenn Klugheit sich mit Unschuld verbindet, entsteht eine seltene Kombination. Intelligenz tritt zum Vorschein, wenn man der Unschuld zuliebe das Wissen beiseite legt. Ich meine damit nicht, dass du aufhören sollst, Wissen zu sammeln. Du sollst nur verstehen, dass Wissen kein Ersatz für Unschuld sein kann.
In den ländlichen Gegenden von Bharat gibt es noch viele Menschen, die noch nicht durch das moderne Bildungssystem gegangen sind und diese Menschen verfügen noch über eine reine Intelligenz! Steckst du irgendwo fest und denkst, es gibt keinen Ausweg mehr, dann kommt ein Dorfbewohner und hilft dir auf unkomplizierte Weise aus der Patsche! Unschuldige Intelligenz hat diese Fähigkeit.
An den Universitäten wird heute vor allem an den intellektuellen Fähigkeiten der Studenten gearbeitet. Es geht darum, wie wir ein möglichst nützliches, produktives und effektives Mitglied der Gesellschaft werden können. Es ist nicht verkehrt, produktiv und effektiv zu sein, aber auf dem Weg dorthin verlernen wir, unschuldig und empfänglich zu bleiben. Wir vergessen, wie wir uns der Existenz öffnen können. Wir vergessen, wie wir uns im Einklang mit dem
Kosmos bewegen können, wie wir produktiv sein können im Einklang mit dem kosmischen Plan, welcher die eigentliche Quelle aller Produktivität ist. Das geschieht, weil wir im Tun und im Haben gefangen sind und das Sein vergessen.
Es gibt drei essenzielle Zustände: Sein, Tun und Haben. Momentan befinden wir uns in einem Zustand zwischen Tun und Haben. Andauernd "tun" wir Dinge. Wir lernen und wenden das Gelernte so an, dass es einen Nutzen bringt. Dann haben wir, was wir wollen: Geld, Beziehungen, Komfort und was sonst noch alles. Dann wollen wir noch bessere Dinge oder noch mehr Dinge und so fahren wir fort zu tun. Die ganze Zeit bewegen wir uns zwischen Tun und Haben. In diesem Prozess wird das Sein vergessen. Den echten Bereich unserer Ruhe finden wir aber nur im Zustand des Seins. Deshalb suchen wir nach Ruhe, wie viel wir auch tun und haben,. Die Suche nach Ruhe ist der "Ruf des Seins".
Wenn wir unser Sein nähren und unser Tun aus der Qualität des Seins heraus geschieht, dann müssen wir nicht soviel für das Haben arbeiten. Das regelt sich ganz nebenbei. Das ist das Geheimnis der Existenz. Aber die Universitäten betrachten das nicht als direkten Nutzen für die Gesellschaft. Das ist das Problem. Aber im Sein liegt die wahre Nützlichkeit eines jeden Individuums. Nicht nur der Gesellschaft, sondern dem gesamten Kosmos gegenüber. Wir sollten uns immer um das Ganze kümmern.
In den alten Universitäten von Bharat, wie Takshila und Nalanda, basierte die Ausbildung der Studenten seit jeher auf der Seinsebene. Wissen über die äußere Welt war nur eine Begleiterscheinung in dieser Ausbildung. In Bharat konzentrierte man sich immer darauf, die Unschuld des Seins zu nähren und es zu stärken. Mit der Stärke des Seins kann alles erreicht werden.
Paramahansa Yogananda beschreibt wunderbar die Absicht des spirituellen Lernens. Er sagt, dass es im Körper Trillionen von Zellen gibt. Jede einzelne Zelle ist wie ein intelligentes Wesen. Jede Zelle enthält eine Substanz mit den Information und der
Intelligenz, einen neuen Körper und ein neues Gehirn wachsen zu lassen. Diese schlafende Intelligenz muss erweckt werden, damit sich der Verstand nicht in Richtung Leiden bewegen und in Glückseligkeit bleiben kann.
Weiter sagt er, dass durch spirituelle Übungen die Zellen magnetisiert werden, indem starke Energien durch Wirbelsäule und Gehirn fließen und so die Evolution des Individuums gefördert wird. Mit diesem göttlichen Magnetismus wird jede Zelle zu einem lebendigen Gehirn und ist bereit, jedes bisschen Wissen aufzunehmen. Mit diesen erweckten Gehirnen vervielfacht sich die Fähigkeit des Individuums um ein Vielfaches und alle Arten von Wissen kann mühelos aufgenommen werden! Derart groß ist die Auswirkung von spiritueller Bildung.
Alexander der Große hatte bereits drei Viertel der ihm bekannten Welt erobert, als er mit seinem Asienfeldzug auch noch den Rest und somit auch Bharat unter seiner Herrschaft bringen wollte. Er ließ sich an den Ufern des Indus nieder, um von dort aus in Bharat einzufallen. An den Ufern dieses Flusses lebte auch ein Einsiedler.
Als Alexander mit seinen Truppen an ihm vorbei kam, saß der Einsiedler gerade in Meditation und er machte keine Anstalten, aufzustehen und den Feldherrn zu grüßen.
Alexander fühlte sich beleidigt und sagte mit erhobener Stimme: "Wie kannst du es wagen, mich nicht zu grüßen?" Er zog sein Schwert mit der Absicht ihn den Kopf abzuschlagen."
Der Einsiedler schaute ihn an und lachte.
Alexander war erstaunt und sagte: "Du bist gleich ein toter Mann und du lachst!"
Der Einsiedler sagte: "Ich möchte wissen, was du töten willst! Ich kann niemals getötet werden. Ich bin unsterblich, ewig und unvergänglich. Waffen können mich nicht durchbohren, Feuer kann mich nicht verbrennen, Wasser kann mich nicht nass machen und der Wind kann mich nicht austrocknen. Ich bin unsterblich." Er zitierte die Bhagavad Gita.
Alexander war so beeindruckt, dass er das Schwert fallen ließ und seinerseits den Einsiedler grüßte. Er sagte: "Bharat besitzt so große Menschen, die keine Angst vor dem Tod haben. Ich erbiete diesem großen Land meinen Gruß." Er verließ den hindu Boden mit mehr Weisheit.
An den Universitäten des vedischen Zeitalters war es möglich, dass sich die Studenten das höchste Wissen aneignen konnten ohne dafür mit dem Verlust ihrer Unschuld bezahlen zu müssen. Jeder Student besaß am Ende die Qualitäten eines Weisen. Ein Weiser besitzt das
vielfältige Wissen der äußeren Welt und die nackte Unschuld der inneren Welt.
Ein Mensch mag alles Mögliche lesen und es unterhaltsam finden. Nur Bücher zu lesen, kann eine gute Unterhaltung sein, aber nicht Erleuchtung. Unterhaltung unterscheidet sich von Erleuchtung. Nur weil jemand von einigen guten Büchern unterhalten worden ist, heißt das nicht, dass er erleuchtet ist. Bücher, die dir helfen, deine Logik zu schärfen, geben dir das Gefühl, dass du viel weißt. Hier beginnt das Problem
Man kann die Modernisierung nicht für den Verlust der Unschuld verantwortlich machen. Lord Krishna sagte: "Ich bin die Zeit." Wenn Krishna das sagt, dann muss man verstehen, dass die Modernisierung ein Teil des göttlichen Spiel des Lebens ist. Der Mensch sollte die Modernisierung im rechten Licht sehen und nicht als Ersatz für Spiritualität.
Sei verletzlich
Wenn du unschuldig bist, bist du verletzlich und empfänglich gegenüber allem, was dich die Existenz lehren will! Wenn du verschlossen bist, errichtest du eine Mauer um dich herum. Die Mauer hindert die frische Brise daran, dich zu berühren. Sie hindert dich auch daran, hervorzutreten, um mit der frischen Brise in Kontakt zu kommen. Verletzlich zu werden, bedeutet, die Mauer abzureißen und jedes Mal, wenn es eine kühle Brise gibt, sie einzuladen, dein wahres Sein zu berühren.
Verletzlichkeit bedeutet, dass alles in deiner Umgebung dein Sein berühren kann. Der gesamte Kosmos kommt zu dir, wenn du verletzlich bist.
Verletzlichkeit ist keine Schwäche. Die niedergerissene Mauer verursacht keine Gefahr. Die Mauer selbst wurde aus der tiefen Angst heraus errichtet, deine Realität nicht zu entblößen. Deine Realität ist deine Verletzlichkeit und du hast große Angst, dich dem Kosmos zu öffnen. Tief in deinem Inneren weißt du, dass du einfach in Unschuld weggespült wirst, wenn du die Kontrolle aufgibst und dich öffnest. Deshalb verschließt du dich. Aber es ist erstickend hinter diesen Mauern, in denen immer dieselbe Luft zirkuliert. Du erlebst immer dieselben Muster, die der Verstand kennt. Was hat dann die Mauer für
einen Wert? Ist die Mauer einmal abgebrochen, verstehst du, dass du nichts verlierst. Vielmehr gewinnst du etwas: Die Frische des Lebens.
Zwei Astrologen begegneten sich an einem schönen Herbsttag auf der Straße. Einer der beiden kommentierte: "Was ist das nur für ein schöner Herbst. Das haben wir noch nie erlebt."
Der andere antwortete: "Du hast recht. Es erinnert mich an den Herbst 2070."
Wenn du verletzlich bist, erlebst du alles auf der Ebene des Seins. Sonst wird es eine Erfahrung im Kopf. Das Sein ist ein Gedicht, der Kopf ist Prosa. Das Gedicht ist Leben.
Eine Frau beobachtete ihren Ehemann, wie er neben der Wiege stand, in dem ihr Baby schlief. Als er auf das Baby herunterblickte, betrachtete sie sein Gesicht und sie glaubte darin eine Mischung von verschiedenen Gefühlen, wie Unglaube, Ehrfurcht, Skepsis, Zweifel, Erstaunen und was sonst noch alles zu erkennen.
Langsam näherte sie sich, legte ihren Arm um seine Schulter und sagte: "Ein Königreich für deine Gedanken."
Da sagte der Ehemann: "Es ist schon erstaunlich. Ich frage mich, wie es möglich ist, eine Wiege dieser Qualität für nur 45 Dollar herzustellen."
Mit dem Kopf kannst du nicht verletzlich sein! Und wenn du nicht verletzlich bist, sitzt du hinter der großen Mauer deines Hauses. Dein Leben hat noch nicht begonnen. Das Leben beginnt mit Verletzlichkeit.
Mit Verletzlichkeit bewegst du dich auf einem anderen Weg Richtung Wahrheit. Du bewegst dich auf einen freudvollen Weg, denn in jedem Moment bekommst du alles direkt von der Existenz. Die Existenz ist in der Lage, dich zu beschenken, weil du verletzlich und empfänglich bist. Die Existenz hat ihre eigene Ethik. Erleuchtete Meister haben ihre eigene Ethik. Wenn Verletzlichkeit da ist, können sie einfach auf dich niederregnen. Wenn eine Mauer da ist, wird es schwierig. Ihre Ethik erlaubt es ihnen nicht, die Mauer ohne deine Erlaubnis zu durchbrechen. Deshalb warten sie ab, bis die Mauer verschwindet.
Wenn du verletzlich wirst, sagst du "Ja" zur Existenz. Die Existenz ist das größte Mysterium und der ewige Lehrmeister. Wenn du "Ja" sagst zu ihr, beginnt deine Energie in eine neue Richtung zu fließen. Vom Kopf bewegt sie sich in Richtung Herz und du erhältst das Wissen
über dein eigentliches Sein. Zu allem, zu dem du vorher "Nein" gesagt hast, sagst du nun "Ja". Die Welt erscheint in einem ganz anderen Licht, als du es bisher gewohnt warst.
Die Leute fragen mich, wie sie in meiner Präsenz sein sollen. Sei einfach vollkommen verletzlich und unschuldig. Mit Offenheit kannst du die Wahrheit direkt mit deinem Sein aufnehmen. Der Meister ist der reine Ausdruck der Existenz. Indem du ihm erlaubst einzutreten, erlaubst du auch der Existenz, in dich einzutreten. Wenn die Existenz eintritt, hinterlässt sie einen Eindruck der Wahrheit in deinem Sein. Mit jedem Darshan - Berührung durch den Meister - wird der Eindruck tiefer. Dieser Eindruck ist wichtiger, als alles Wissen, das der Meister dir geben kann.
Ein Meister kann dich nicht Spiritualität lehren. Aber du kannst dich spirituell entwickeln, indem du ihm gegenüber offen und vertrauensvoll bist. Spiritualität hat nichts mit Worten zu tun. Es ist eine Erfahrung. Du kannst sie am besten aufnehmen, indem du die Körpersprache des Meisters beobachtest, indem du die Erleuchtung schmeckst, die von ihm ausgeht.
Wenn du verletzlich bist, bist du offen in deinem gesamten Reaktionssystem. Du beeilst dich nicht mehr, Fragen zu stellen. Du stellst nur den Raum zur Verfügung, in dem die kosmische Intelligenz agieren kann.
Sich einfach mit Verletzlichkeit auszudrücken, bedeutet frei zu sein wie ein Vogel, sich nicht über Vergangenheit und Zukunft zu sorgen und nur zu sein. Das ist genau das, was die Zen-Meister ihren Schülern lehren.
Gib dich mit Vertrauen hin
Unermessliches Vertrauen führt zur Hingabe. Hingabe ist Einfachheit des Herzens. Es ist das Wissen, dass du nicht über die Wahrheit entscheiden musst, dass du ihr einfach folgen sollst. Wenn du zur kraftvollen Präsenz der Wahrheit wirst, geschieht die Hingabe.
Bei Hunden kann man beobachten, dass sie ihrem Herrn vertrauen und zu ihm zurückkommen, auch wenn sie von ihm ab und zu getäuscht werden. Sein Vertrauen ist absolut und unschuldig. Es ist ein Vertrauen, das keinen Grund kennt. Er hat keine Fragen, deshalb ist
es nicht nötig, zu antworten. Er sieht in nichts einen Nutzen. Er existiert wie ein offenes Buch.
Ein Goldfisch fragt den anderen in einem Wasserbecken: "Glaubst du an Gott?"
Darauf der andere: "Ja, aber selbstverständlich. Was meinst du denn, wer uns jeden Tag das Wasser wechselt?"
Nur Unschuld ist imstande, in Vertrauen und Hingabe einzutauchen. Wissen beurteilt alles nur nach seiner Nützlichkeit und sucht in allem einem Zweck. Hingabe und Zweckdenken schließen einander aus. Hingabe hat mit Vertrauen zu tun. Hingabe ist nur aus Unschuld heraus möglich und Unschuld ist die Wiege des Vertrauens.
Hingabe bewirkt eine tiefe Entspannung. Mit ihr wird eine unverbrauchte Intelligenz in uns lebendig, deren Wissen von einer anderen Ebene kommt. Auf dieser Ebene gibt es keine Sorge um das Ergebnis. Dort gibt es nur Aktion, die von reiner Energie angetrieben wird. Energie ist Intelligenz. Vertrauen bedeutet nicht Inaktivität. Es bedeutet weiterhin aktiv zu sein, aber mit Intelligenz, statt mit Intellekt. Es bedeutet auf das Denken zu vertrauen und intelligent zu handeln.
Ein Schüler besuchte seinen Sufi Meister auf einem Kamel. Er kam in das Zelt des Meisters, verbeugte sich tief und sagte: "Meister, so unermesslich ist mein Vertrauen in Gott und so tief mein Glaube, dass er die Interessen jener schützt, die ihn lieben, dass ich mein Kamel vor dem Zelt stehen gelassen habe, ohne es festzubinden.
Der Meister schrie ihn an: "Du bist verrückt, geh und binde sofort dein Kamel an! Man soll Gott nicht mit Dingen belästigen, die man selbst leicht erledigen kann."
Vertrauen ist eine Haltung. Es ist kein Ersatz für angemessenes Handeln. Die Energie des Vertrauens ist die wahre Essenz des Lebens. Sie ist die Voraussetzung für
Unschuld, Hingabe, Entspannung und Glückseligkeit. Wenn dann noch ein umfassendes Verständnis dazukommt, dann gibt es nichts zu verlieren auf diesem Pfad. Bis dahin bist du immer noch auf dem Weg zum Vertrauen.
Erleuchtete Meister sind fest im Wissen verankert, dass im Leben nichts unmöglich ist. Sie sind lebendige Verkörperungen des Vertrauens, das in Glückseligkeit seinen Ausdruck findet. Sie haben Zugang zum gesamten Wissen der Welt. Trotzdem sind sie absolut unschuldig. Sie sind sich bewusst, dass ihr Wissen das Wissen der Existenz ist. Ihr Wissen ist kein Wissen, sondern eine fließende Erfahrung der Wahrheit in jedem Moment.
Auch wir haben Wissen. Das Problem liegt aber darin, dass wir glauben, dass unser Wissen das einzig richtige Wissen ist und das Wissen aller anderen falsch ist. Das höchste Wissen ist für jeden gleich. Alles andere ist nur ein Haufen geborgter Ideen. Wenn du das verstehst, passiert Hingabe. Wir können endlich die Last des Wissens ablegen und unschuldig werden.
Wie können wir wissen, dass wir nichts wissen? Ein klares Verständnis, dass wir nicht wissen, genügt. Meditiere einfach über die Existenz, der Quelle allen Wissens. Sei jederzeit in einer hingebungsvollen Stimmung. Sei unerschütterlich in der Hingabe an das Wissen der Existenz. Du wirst sehen, dass Wunder um dich herum geschehen.
Es gibt eine Geschichte über Hanuman, dem Affengott in der hindu Mythologie. Er war ein ergebener Schüler der Inkarnation von Rama.
Hanuman wurde einmal gefragt, ob er wisse, um welchen Tag im Mondkalender es sich handelte.
Er antwortete: "Ich denke nie über den jeweiligen Tag oder die Position der Sterne nach, meine Gedanken kreisen nur um Rama."
Wenn du dich auf die wundersame Wahrheit eingelassen hast, wirst du so unschuldig werden, dass das Leben an sich meditativ und voller Wunder wird. Hanuman überquerte mit einem Sprung den Ozean zwischen Bharat nach Sri Lanka, weil er unermüdlich Ramas Namen rezitierte. Rama selbst musste eine Brücke bauen, um mit seiner Armee nach Sri Lanka überzusetzen! So zeigt sich die Macht der unschuldigen Hingabe zur Existenz und ihren Formen.
Noch etwas: Wenn du vertraust und dich hingibst, wird es schwierig, dich zu betrügen. Unschuldiges Vertrauen schützt immer vor Betrug. Es strahlt eine Form von Energie aus, die dich beschützt.
Als der große Sufi Heilige Habib Ajami einmal in einem Fluss badete, ließ er sein Gewand einfach am Ufer liegen.
Ein Mann kam vorbei und sah das Gewand. In der Meinung, dass jemand das Gewand verloren hatte, entschloss er sich, es solange zu bewachen, bis der Besitzer wiederkam.
Als Habib von seinem Bad im Fluss zurückkam, fragte ihn der Mann: "Wem hast du das Gewand anvertraut, als du baden gingst. Es hätte auch gestohlen werden können."
Habib antwortete: "Ich habe es demjenigen anvertraut, der dich beauftragte, es zu bewachen."
Wenn Vertrauen mit dem höchsten Verständnis geschieht, kann nichts verloren gehen. Meinen Schülern erzähle ich immer von Mönchen, die ich bei meinen spirituellen Wanderungen im Himalaya getroffen habe. Diese Mönche haben das weltliche Leben aufgegeben sich in die abgeschiedene Bergwelt des Himalayas zurückgezogen. Dort aber streiten sie sich um einen kleinen Wassertopf! Wenn du der Existenz vertraust, erscheint materieller Besitz, als ob er der Existenz gehört. Dann fällt das ganze Besitzdenken weg. Das entspannt deinen Verstand. Das ist der Raum, um sich zu entspannen.
Im Jahr 2004 unternahmen wir mit einer kleinen Gruppe eine Pilgertour in den Himalaya. Jeder Mensch sollte wenigstens einmal im Leben dieses atemberaubende Gebirge besuchen. Unser Ziel war Gomukh, ein Wallfahrtsort an der Quelle des heiligen Flusses Ganges. Der Weg dorthin ist nur mit Maultieren begehbar und man benötigt fünf Stunden, um dort hin zu gelangen. Der Pfad ist nur etwas breiter als ein Meter. Ein Fehltritt und du landest in den schäumenden Fluten des Ganges, der darunter vorbeirauscht! Nachdem wir Gomukh erreicht hatten, verbrachten wir dort die Nacht. Ein Teil der Gruppe machte sich am folgenden Tag auf den Rückweg, während ich mit einigen Schülern zurückblieb.
Die Gruppe, die zurückging, startete im Morgengrauen. Ich sagte ihnen, dass sie sich nicht zu sorgen brauchten, dass die Existenz über sie wachen würde. Sie bewegten sich durch die stockfinstere Nacht ohne zu wissen, ob das Maultier um den Berg oder geradeaus in den Abgrund geht. Alle kehrten wohlbehalten zurück. Am nächsten Tag fragte ich sie, was für eine Erfahrung es war. Einer von ihnen sagte: " Swamiji, wir haben erfahren, was blindes Vertrauen bedeutet!" Wenn diese Momente des Vertrauens ausgedehnt werden können, können sie zur Essenz deines Lebens werden. Dann kannst du einfach handeln und die Ergebnisse der Existenz überlassen.
Ohne Unschuld kann es keine Intimität geben. Intimität ist die Sprache der Existenz. Der Verstand kennt keine Intimität. Nur das Sein kennt sie. Mit Intimität gibt es Offenheit und du kannst alles sagen und tun, was du in deinem Inneren ernsthaft und ehrlich fühlst. Dann gibt es Authentizität in deinen Worten und Taten. Du wirst eine Energie ausstrahlen, durch die andere um dich herum angespornt werden, auch unschuldig und offen zu sein. Dann kann die echte Schönheit der Existenz erfahren werden.
Rama – Held des hindu Epos Ramayana und König von Ayodhya, Reinkarnation von Vishnu Hanuman – Schüler von Rama und von Hindus verehrter Affengott.