Genieße den Übergang
Ein Sannyasi besitzt ein tiefes Verständnis über die vergängliche Natur aller Dinge. Wünsche, Besitz und Emotionen sind ständig in Bewegung und Veränderungen unterworfen. Alles verändert und bewegt sich. Wenn du deine eigenen Wünsche beobachtest bevor sie erfüllt sind, erscheinen sie wie ein riesiger Berg und ein großes Ziel. Nachdem sie erfüllt sind, erscheinen sie wie ein Maulwurfshügel. Vor der Erfüllung des Wunsches erscheint er als das Leben selbst. Nach der Erfüllung gehst du einfach weiter zum nächsten Wunsch! Dieser Prozess an sich zeigt, dass Wünsche weder etwas Solides, noch etwas Dauerhaftes an sich haben. Sie sind nichts anderes, als sich ständig verändernde Fantasien unseres Verstandes.
Sannyas hilft dir, die flüchtige Natur der Wünsche zu erkennen. Nach und nach wird die Erzeugung von Wünschen eingestellt. Dann steht dir die Energie, die für die Erfüllung von Wünschen verbraucht wurde, frei zur Verfügung. Automatisch wird dein Potential einen Sprung machen. Du bist bereit für alles. Obwohl du in ihr lebst, zieht dich nichts mehr in der materiellen Welt wirklich an. Auch wenn du etwas Schönes siehst, wünschst du dir nicht, es zu besitzen. Du erfreust dich daran und gehst weiter. Das ist alles. Das ist Sannyas.
Sannyas ist wie ein Holzscheit, das verwendet wird, um den toten Körper zu verbrennen und das schließlich in dasselbe Feuer geworfen wird. Sannyas verbrennt alle Fantasien in dir und schließlich wirft es sich selbst ins Feuer. Es ist ein Werkzeug.
Adi Shankara sagt in seinem berühmten Lied "Bhaja Govindam":*
Auch nachdem viele Tage und Nächte, viele Winter und Sommer vorbeigezogen sind und das Leben sich dem Ende nähert, ist das Feuer des Verlangens immer noch nicht erloschen!
Das Verlangen hat eine ungeheure Anziehungskraft auf der unbewussten Ebene. Sich davon zu befreien, ist die allergrösste Befreiung.
Eine kleine Geschichte: Einst lebte ein Steinmetz, der mit seiner Position im Leben nicht richtig zufrieden war. Eines Tages ging er am Haus eines reichen Händlers vorbei. Durch das offene Tor konnte er viele schöne Dinge und Leute der besseren Gesellschaft sehen, die dem Händler gerade einen Besuch abstatteten. Er dachte, dass der Händler sehr machtvoll sein muss. Eifersucht stieg in ihm hoch und wünschte sich, auch ein Händler zu sein.
Zu seiner grossen Überraschung wurde der Steinmetz augenblicklich zu einem reichen Händler und er konnte sich an mehr Luxus und Macht erfreuen, als er sich vorstellen konnte.
Eines Tages stand er an der Straße und sah einen Minister mit seinem Gefolge vorbeiziehen. Er wurde von Dienern auf einem geschmückten Sessel getragen und von trommelnden Soldaten begleitet. Jeder, egal wie reich er war, musste stehenbleiben und sich vor ihm verbeugen.
Er dachte: "Wie machtvoll so ein Minister ist! Ich wünschte, ich wäre ein Minister!"
Auf der Stelle wurde er zu einem Minister und von Dienern herumgetragen.
Eines Tages war es sehr heiss und er fühlte sich sehr unwohl in dem stickigen Sessel. Er schaute zur Sonne hoch. Sie stand so leuchtend hell am Himmel. Er dachte: "Wie machtvoll die Sonne ist! ich möchte die Sonne sein!"
Und er wurde zur Sonne! Er erfreute sich an der machtvollen Position, die er ab sofort hoch am Himmel innehatte.
Eines Tages kam eine riesige schwarze Wolke und schob sich zwischen ihm und der Erde, sodass sein Licht nicht mehr die Erde erreichen konnte. Er war überrascht. Er dachte: " Wie machtvoll so eine grosse schwarze Sturmwolke ist! ich möchte auch so sein."
Er wurde zu einer riesigen Wolke, deren Regen Felder und Dörfer überschwemmte.
Bald aber entdeckte er, dass er von irgendeiner grossen Kraft verjagt wurde und sah, dass es der Wind war. Er dachte: "Wie machtvoll der Wind ist! ich wünschte ich wäre der Wind!"
Er wurde zum Wind. Kraftvoll blies er über die Dächer der Häuser und über die Wälder.
Eines Tages traf er auf etwas, das sich nicht bewegte, wie stark er auch dagegen blies. Es handelte sich um einen riesigen hochragender Felsen. Er dachte: "Wie mächtig so ein Felsen ist! Ich möchte zu einem Felsen werden."
Er wurde zu einem Felsen, der stärker als alles andere in der Welt war. Plötzlich hörte er den Klang eines Hammers, der einen Meißel in den harten Stein schlug und er fühlte, dass er sich veränderte. Er dachte: " Was kann noch stärker sein, als ein Felsen?"
Er sah nach unten und erblickte einen Steinmetz.
Diese Geschichte illustriert sehr schön, wie der Verstand andauernd meint, dass das, was noch nicht erreicht ist, besser ist als das, was bereits erreicht wurde. Das Gras auf der anderen Seite des Zaunes ist immer grüner. Aber was passiert, wenn wir auf die andere Seite gehen? Dann haben wir den Eindruck, dass doch das Gras auf der Seite, wo wir zuerst waren, grüner ist. Wir springen von einem Ding zum anderen, von einem Wunsch zum nächsten. Von einer Ansicht zur nächsten, aber selten sind wir dabei wirklich glücklich.
Ein Sannyasi ist jemand, der klar sieht, dass sich alles unablässig verändert und dass alles schön und gut ist, so wie es gerade ist. Er weiß auch, dass sich die Schönheit in den Augen des Betrachters befindet. Deshalb beginnt er damit, seine eigenen Augen zu reinigen. Augen sind die Fenster der Seele, deshalb arbeitet er an seinem Innersten, seiner Seele. Siehst du die Welt durch eine rote Brille, erscheint alles rötlich. Siehst du sie durch eine grüne Brille, wird alles grünlich. Siehst du mit klaren Augen, so erscheint alles klar und schön. Die Existenz ist und war immer schön, nur können wir es nicht sehen. Sannyas ist die Entscheidung, mit klaren Augen zu sehen.
Wenn das Leben selbst andauernden Veränderungen unterworfen ist, warum versuchen wir dann, es festzuhalten? Buddha sagt im Dhammapada: " Das Leben gleicht einem Blitz am Himmel." Das Leben ist vergänglich. Doch was versuchen wir zu tun? Etwas Unmögliches! Unsere Aufgabe ist es, zu sehen, uns zu erfreuen und weiter zu gehen. Wenn alles eine vorübergehende Manifestation der Existenz ist, wo bleibt dann Raum für Sinn, für Ego, für Furcht und für Begierde? Sannyas als solches verändert überhaupt nichts. Alles bleibt gleich. Was sich verändert, ist die Art und Weise wie du die Dinge siehst. Sannyas geschieht in dir. Sannyas hat nichts mit der äußeren Welt zu tun.*
Sannyas bedeutet den Kutscher aufzuwecken. Der Körper des Menschen gleicht einer Kutsche und sein Bewusstsein ist der Kutscher. Der Kutscher befindet sich in einem tiefen Schlaf und die Kutsche wird von fünf Pferden bewegt. Die fünf Pferde sind die fünf Sinne, von denen jedes einzelne seine eigenen Ideen hat. Keine von ihnen ist die Wahrheit. Sie sind nichts anderes, als vorübergehende Ideen!
Der Sannyasi lebt auch in den schwierigsten Momenten seines Lebens mit dem Wissen, dass das Leben nur ein flüchtiger Traum ist! Er hat eine ganz andere Definition von Erfolg und Misserfolg. Er trägt Erfolg oder Misserfolg nicht mit sich herum. Ein Samsari hingegen trägt die Erfolge und Misserfolge immer mit sich herum, wohin er auch geht. Das ist die Ursache seiner Probleme.
Bhaja Govindam – Eine Sammlung hingebungsvoller Verse von Adi Shankara. Sie gilt als die Essenz von Advaita Vedanta, Nicht-Dualität. Dhammapada – Sammlung von Buddhas Aussprüchen